Pferdemensch-Kurs Nina Fischer

Das Wesen Mensch und das Wesen Pferd – Begegnung, Berührung, Bewegung.

Warum ich denn überhaupt hier wäre, bei Nina Fischers Workshop Pferdemensch, wenn ich doch schon so gut reiten könne? Dies wurde ich in der letzten Stunde des Kurses gefragt, nachdem wir vom abschließenden Schritt-Ausritt zurückkamen. Meine Antwort, Teil 1: Reiten lernen ist meiner Auffassung nach ein lebenslanger Prozess. Und ein guter Teil dieses Lernens liegt auf dem Boden und nicht auf dem Pferderücken. Teil 2: Ich habe mir hier Fragen gestellt oder sie gestellt bekommen, die ich sonst selbst als Coach an andere Menschen richte. Es war einfach mal wieder an der Zeit, ehrlich in den Spiegel zu schauen. Und ich kenne keinen besseren Spiegel der menschlichen Persönlichkeit, als ein Pferd … Persönlichkeitsentwicklung ist ebenfalls ein lebenslanger Prozess. Von meinen Erfahrungen bei Pferdemensch möchte ich euch berichten …

Reckenthal heißt das Einhundertseelen-Dorf, in dem sich der Seminarort ‚Fischerhof‘ befindet. Gemeinsam mit vier anderen Frauen aus ganz Deutschland sowie Nina Fischer, der Kursleiterin, bin ich hier oben im lieblichen Teil des Westerwalds gelandet, um mich von Donnerstag bis Sonntag zum Pferdemensch ausbilden zu lassen. Dabei hat dieser Kurs viele Facetten: Etwas über Pferde und den korrekten Umgang mit ihnen zu lernen – als Grundlage für entspanntes (Gelände-)Reiten – ist nur eine davon. Ich zitiere einfach mal von Nina Fischers Homepage, denn besser ist es einfach nicht auf den Punkt zu bringen:

Pferdemensch-‚Erfinderin‘ Nina Fischer, hier mit ihrem Pferd Noah.

Gentle Horse Power ist eine von Nina Fischer entwickelte Erfahrungswelt und Methodik, um in der Verbindung mit Pferden positive Potenziale, Werte und Energie integrativ zu entfalten. Dieser Weg beginnt immer bei uns selbst im Hinblick auf die Wahrnehmung unseres Körpers und unserer Gefühle im Hier und Jetzt. Darauf basierend erwächst unsere Klarheit über die eigenen Sehnsüchte und Bedürfnisse. Dieses Bewusstsein ist der Einstieg in unsere innere Führung.

Prolog: Ein Lehrstück in Sachen Achtsamkeit

Ich habe mit Pferden zu tun, seitdem ich neun Jahre alt bin. Ich weiß durchaus sehr gut, wie man ein Pferd führt. Und dennoch war meine Reitbeteiligung ‚Da Capo‘ mein Lehrmeister, ausgerechnet zum Beginn der Woche, in der der Kurs stattfinden sollte … Wir waren nur spazieren an diesem Montagabend, noch rund 150 Schritte trennten uns vom Stallgebäude. Der Weg führte zwischen den Koppeln durch. Ich führte das rechtsseitig blinde Pferd, das mit dem verbleibenden Auge nach dem Gras schielte, während ich in Gedanken bereits im Stall angekommen war und an die Dinge dachte, die dort noch zu tun wären. Zwar registrierte ich das Pony, das rechterhand noch auf dem Paddock stand, zwar dachte ich „Da Capo hat ihn eher nicht gesehen – wenn der sich jetzt bewegt, erschrickt er sich vielleicht“, doch meine völlig inkorrekte Führposition – mit etwas mehr als einem Meter Abstand schnurgerade vor des Pferdes Nase, den Blick nach vorn gerichtet! – die korrigierte ich nicht.

Kennst du das, wenn deine Intuition dich anschreit, dass das, was du gerade tust, eine verdammt doofe Idee ist? Wenn du spürst, gleich passiert was, was du echt nicht möchtest? Und du dann trotzdem in der Situation verharrst und nichts veränderst, vielleicht, weil dein Kopf dir sowas erzählt wie „Sei nicht albern, was soll schon groß passieren?“. Vermutlich hat das jede*r schon mal erlebt. Und es kam, wie es kommen musste. Als sich das Stakatto der Hufe hinter mir von ruhigem Schritt in wildes Getrappel veränderte, machte ich einen Satz nach links. Das tat Da Capo leider auch, vermutlich, um mich – frontal vor ihm  – genau nicht umzurennen. Und so kollidierte ich mit geschätzten 600 Kilogramm Lebendgewicht und flog mit Schwung auf den Asphalt. Ein Huf streifte zum Glück nur meine Schulter und nicht meinen Kopf. Ergebnis: Schrammen und Blutergüsse von Kopf bis Fuß, eine geprellte Rippe und eine zerkratzte Uhr. Und hoffentlich klüger als vorher.

Tag 1 mit der Herde: Ich bin klein und du bist groß!

Perspektive aufs Pferd aus der Hängematte am zweiten Workshop-Tag – am ersten hatte ich das Handy auf dem Zimmer gelassen. Hier: Prince Charming aka Orlando.

Drei Tage später. Ich liege in einer Hängematte. Nicht am Strand, nicht im Garten, sondern auf einer Pferdekoppel. Nina gibt uns Raum, um anzukommen. Von zwei Seiten beschützt uns der Wald, in die andere Richtung eröffnen sich sanfte Hügel mit satt behangenen Obstbäumen und abgeernteten Getreidefeldern. Blauer Himmel, Schäfchenwolken, 28 Grad, leichter Wind, Mückenspray – der perfekte Spätsommertag. Ich habe die Entstehungsgeschichte dieses Kurses vor zehn Jahren mitbekommen, ich kenne Ninas generelle Arbeit ein gutes Stück weit, ich kann die Tiere beim Namen nennen, bin drei von ihnen auch schon geritten. Dennoch habe ich nicht wirklich einen Schimmer, was uns in diesen vier Tagen erwartet.

Und bei aller Pferdeerfahrung und 1.80 Meter Körpergröße – ohne Schuhe, in Liegeposition auf Pferdebauchhöhe, während der wuchtige Herdenchef Nabucco auf mich zu kommt, um mich zu inspizieren, das ist ein seltsames, unsicheres Gefühl. Ich höre den Wallach lange, bevor ich ihn sehe. Vor ein paar Monaten schaute ich „Jurassic World“ mit meinen Kindern an und denke nun rein von der Akustik her an einen Stegosaurus, der durch das Gebüsch bricht. Wird er mir was tun? Was, wenn er jetzt mit seiner breiten Brust einfach zwischen den Bäumen durchmaschiert, zwischen denen meine Matte hängt? Dann hat Nabucco beschlossen, dass ich keine Gefahr für seine Herde darstelle und auch ansonsten nicht sonderlich interessant bin und beginnt, sein äußerst breites Hinterteil an einem der beiden Bäume zu schubbern. Schön, jetzt schaukelt meine Hängematte und erneut wird mir die enorme Kraft dieser meist so sanft wirkenden Tiere bewusst.

Tag 2: „Guck nicht so, Coco, die Socken sind frisch!“ ;-)

Später besucht mich mein alter Freund, der Haflinger Giulio. Er hat mich hier oben vor ein paar Jahren von einem Gelände-Trauma geheilt. Auch er beschnuppert mich von Kopf bis Fuß und beginnt, mit seiner Oberlippe an meinem Socken zu spielen. Wo ich mir bei Da Capo wohl Sorgen machen würde, dass er mir in den Zeh beißt, und bei Nabucco überlege, ob er mich platt macht, denke ich bei Giulio eher, dass er sich gleich zu mir in die Hängematte legt um sich kraulen zu lassen. Ich verscheuche für ihn ein paar Fliegen und genieße seinen Atem an meinem Bein.

Dann unterbricht Nina das – von ihr bewusst kreierte! – Idyll und die Arbeit beginnt mit Reflektionen über das bisher Erlebte auf der Koppel; schließlich ist das hier ein Workshop und kein Ponyurlaub.

Das Motto des gesamten Pferdemensch-Kurses: Follow your heart – closely!

Wir sitzen im Kreis im Gras oder auf Hockern, natürlich mit Corona-Sicherheitsabstand, und lauschen ganz entspannt Ninas Vortrag über die Energie der Pferde. ‚Raum‘ ist das Thema des Tages. „Die Energie, die ihr euch wünscht, zum Beispiel Ruhe, die müsst ihr in euch kreieren und das Pferd wird sich mit euch synchronisieren“, erklärt die gestandene Pferdefrau. Und wirklich, unsere Entspannung überträgt sich auch auf Coco, die Nummer Zwei in der Herden-Rangfolge. Der große Tigerschecke legt sich ganz in der Nähe dazu. Zuerst dachte ich, er wolle sich wälzen – aber nein, er liegt minutenlang ein paar Meter neben uns. So gibt es unheimlich viele sehr berührende Momente zwischen uns und den Pferden, aber natürlich auch zwischen uns Menschen.

Den Schleier, den Nina Fischer bewusst über den genauen Ablauf ihrer Kurse legt, den möchte ich übrigens auch hier nicht vollends lüften. Denn das Schönste, das wir entdecken können, ist das Geheimnisvolle, wie Albert Einstein wohl sagte.

Tag 2 – Individualität oder: „Mir reicht’s, ich geh schaukeln!“

Nein, natürlich reicht es mir nicht, ich will vom Fischerhof eigentlich gar nicht mehr weg. Doch ist es unsere Aufgabe am zweiten Morgen, allein zur Koppel zu laufen, jede für sich. Für den Weg von 15 Minuten haben wir eine Stunde Zeit. Ich nutze die Tatsache, dass ich mich in Reckenthal durch frühere Besuche auskenne, und wähle eine entlegenere Strecke den Hang hoch. Dort liegt im Schutze einiger Bäume ein hübscher kleiner Spielplatz. Im hintersten Eck des Dorfes – ob hier überhaut je Kinder herkommen? Da ich mich unbeobachtet fühle, gehe ich auf die Schaukel. Ich habe Schaukeln als Kind geliebt, und auch im Alter von 17 Jahren gibt es ein Foto von mir mit meiner leider bereits verstorbenen Freundin Schumi, in Schweden auf einer Schaukel: dort, damals, voll Lebensfreude! Hier und heute, auf diesem Kindheitstraum von Schaukel, mit der man gefühlt in den grünen Laubwald und über das Gelbachtal fliegen kann: plötzlich ist mir bang!

Mit Schumi in Schweden. Es gab noch ein anderes Foto, schärfer, besser, aus einer etwas netteren Perspektive, aber das scheint verschollen zu sein oder meine Erinnerung hält mich zum Narren …

Es ist so dermaßen ungewohnt, ja sogar anstrengend, so wild und frei und hoch zu schaukeln. Am höchsten Punkt abzuspringen, so wie früher, und womöglich auf allen Vieren im Rindenmulch zu landen – undenkbar! Es dauert eine ganze Weile, bis sich Freude einstellt und dann sogar Bedauern, dass keine der netten anderen Kursteilnehmerinnen mir mir schaukelt, wie Schumi, die eigentlich Sabine heißt, im Mai 1997. Dann hätten wir auch mal die Wippe ausprobieren können. Ja, ich bin fast 41 Jahre alt. Nein, ich bin nicht verrückt geworden.

Sondern mir fällt auf der Schaukel der zweite Band der wunderbaren ‚Café am Rande der Welt‘-Trilogie ein. „Spielst du auf deinem Spielplatz?“ lautet dort eine der drei lebensverändernden Fragen, die die Protagonistin auf der Speisekarte gestellt bekommt. Soll heißen: Als Erwachsene verschließen wir oft unseren persönlichen Spielplatz und schneiden uns damit von dem untrüglichen Gefühl ab, was wir mögen, was uns Spaß macht und was wir gut können. Stattdessen tun wir tausend Dinge, weil wir denken, sie tun zu müssen. Oder wir machen andere Dinge nicht, weil wir denken, dass wir zu alt, zu jung, zu schlecht, zu gut, zu blond oder nicht blond genug sind.

Nun, allein wippt es sich schlecht, so gehe ich dann rutschen und bin bass erstaunt, wie schnell und steil so eine kleine Kinderrutsche ist. Wenn ich mir an ihrem Ende mal nur nicht wehtue. Also, zweimal reicht echt! Dann zum Reck. Hochschwingen. Daran eine Rolle kopfüber machen? In die Horizontale komme ich noch, mehr geht nicht. Ich bin schlank und sportlich, und dennoch ist der Gedanke, mich kopfüber nach unten zu stürzen, angstbesetzt und ich blockiert. Meine letzte Rolle um solch eine Eisenstange ist vermutlich 30 Jahre her. Moment, war Angst nicht das Thema des Morgens in der Runde am großen Frühstückstisch, bevor wir losliefen?! Und war da vor der Sehnsucht nach Gesellschaft auf der Schaukel nicht auch Unbehagen, als eine andere Teilnehmerin, die den Spielplatz dann auch entdeckte hatte, kurzzeitig auf der Parkbank hinter meiner Schaukel saß und mir vermutlich minutenlang zuguckte?! Eine fast 41 Jahre alte Frau, die selbst zweifachen Nachwuchs in die Welt gesetzt hat, turnt über den Spielplatz im Versuch, sich unbeschwert des Lebens zu freuen und mit dem Blick eines Kindes auf die Welt zu schauen. Was die andere auf der Bank wohl über mich dachte? Moment, war mir nicht immer ziemlich latte, was andere Leute über mich denken? Was ist eigentlich gerade wirklich mein Selbstbild? In welcher Energie bin ich eigentlich genau jetzt? Es ist nicht immer ganz so leicht, sich darüber klar zu werden.

Pferdemenschen wissen (spätestens nach Ninas Kurs): Pferde haben kein Ego. Sie sehen in uns nicht, was wir darstellen möchten bzw. nach außen hin zeigen (die coole Amazone, der toughe Firmengründer, der schmerzbefreite Indianer, etc.), sondern was wir tatsächlich sind: Menschen voll Angst, Unsicherheit, Wut, aber auch voll Frieden, Freude oder Gelassenheit. Sie können wahrnehmen, was wir vor uns und anderen zu verstecken versuchen oder was wir tief in unserem Herzen wirklich schon sind und leben. Pferde interpretieren und bewerten dabei nicht. Aber sie spüren deine Ausstrahlung und Energie. Heute bist du stark und fühlst dich souverän. Morgen bist du unsicher und nervös. Man könnte jetzt denken, dass Führung dann nicht funktioniert. Doch „wenn du dich selbst in dem Moment annimmst, so wie du gerade bist, hat das Pferd kein Problem damit. Nur wenn du dich selbst komplett verlässt, zum Beispiel durch Hysterie oder Cholerik, verlässt das Pferd sich lieber auf sich selbst“, erklärt uns Nina. „Authentische Selbstführung entsteht aus dem Zustand, in dem du jetzt gerade bist, auch in zarter Klarheit kannst du sehr kraftvoll sein. Das funktioniert jedoch nur, wenn du voll im Gefühl statt im Ego bist.“ Das Pferd lebt im Moment und folgt seinen Bedürfnissen. Eines davon ist, seinen Platz in der Herde zu kennen, denn das bedeutet echte Sicherheit.

Den Spielplatz als Erwachsene zu verschließen, die Mauern drum herum hochzuziehen, das ist dagegen eine Illusion von Sicherheit. Wenn wir uns verstecken, davonrennen oder uns verstellen um ein erträgliches Bild von uns selbst zu haben, dabei jedoch den Bezug zu unserem wahren Wesen verlieren, zu unserem Platz in der Welt und zu dem, was uns im Herzen wirklich glücklich macht, ja, dann sind wir verloren. Un-Sicher. Verlassen von uns selbst. Ich beschließe, daheim mal meinen Spielplatz zu checken und zu schauen, welche Geräte ich heute wirklich darauf stehen haben möchte. Was möchte ich neu aufbauen, was gehört abgerissen? Echt jetzt. Und was braucht darüber hinaus meine eigene „Herde“ daheim?

Tag 3 – Intuition und Führung

Ein neuer Morgen, an dem wir – diesmal wieder als Gruppe – in besinnlicher Stimmung bei Kaiserwetter hoch zur Weide laufen. Ganz präsent, ganz im Moment – dass wir beim Laufen schweigen sollen, muss uns Nina nicht extra sagen. Wir haben ja schon am ersten Tag geunkt, dass wir am Sonntag wahrscheinlich gar nicht mehr verbal miteinander kommunizieren werden, so schön ist es, gemeinsam zu schweigen und sich wortlos zu verstehen.

Doch Nina hat für den Weg ein paar Aufgaben für uns – es geht um die Sehnsucht Pferd und um seine Führung. Und damit auch um unsere Selbstführung. Wir sind eingeladen, uns wortlos im Leading unserer kleinen Gruppe abzuwechseln, kreative Einfälle sind gern gesehen und wir gleiten teilweise ins Spielerische ab. Ich denke an die Pferde-Spiele mit meinen Freundinnen aus der Zeit, in der aus uns Kindern Teenager wurden, und spüre eine diebische Freude in mir, während wir uns im ‚Leitstuten-Dasein‘ beobachten, mitmachen und jeweils intuitiv den richtigen Zeitpunkt abwarten, um zu übernehmen. Natürlich gibt’s auch hierzu später Feedback von der Gruppe: „Autark, elegant, fließend, klar, nach hinten fühlend“ habe ich mir für mich notieren dürfen. Fühlt sich warm an. Nina ergänzt: „Ich hätte mich nicht getraut, dich zu überholen!“ – oha!? Ich habe beschlossen, es als Kompliment zu nehmen, denn dies ist doch, was Pferd will: Sicherheit durch Klarheit und Vertrauen, keine ständige Diskussion um die Rangordnung, in Ruhe grasen, dösen oder was sonst gerade so Phase ist. Übertragen auf Führung und Gruppendynamik in der normalen Welt – die mir hier im tiefen Frieden des Westerwaldes alles andere als normal vorkommt: Performing statt Forming, Norming und Storming. Nur, dass weder wir noch die Pferde hier performen müssen. Dasein reicht vollkommen aus – wie angenehm!

Selfie mit Ringo.

Auf der Koppel sollen wir uns mit demjenigen der sieben Pferde beschäftigen, zu dem es uns an diesem Tag jeweils am stärksten hinzieht, das unserer Energie in dem Augenblick am meisten entspricht. Uns einfühlen, unser Herz spüren, uns mit dem Herzen unseres Pferdes verbinden. Bei mir ist es Ringo, der sanfte Braune, mit dem ich vor 12 Jahren einen Tagesritt auf einer Etappe zwischen Starnberger See und Bodensee gemacht habe, ebenfalls unter der Leitung von Nina. Und mit meinem Sohn im Bauch. Ich spüre ein paar alte, ungeklärte, sehr emotionale Themen in mir aufsteigen. An denen ich auch schon unzählige Male voll guten Willens mit den verschiedensten Methoden gearbeitet habe, bevor ich sie wieder in die Kiste namens Verdrängung gesteckt und als nicht lösbar abgelegt habe. Plötzlich ist sie da, meine Lösung, die Heilung bedeuten könnte! Ich danke Ringo im Stillen und mir wird klar: dieser Kurs hat etwas Therapeutisches an sich, und zwar in einer Geschwindigkeit, die auch etwas unheimlich ist.

Free Bonding: eine weitere Kursteilnehmerin mit Coco.

‚Free Bonding‘ nennt sich das, was uns Nina Fischer als nächstes nahebringt. Wir stehen dabei unter den Bäumen, verschmelzen mit den Schatten und mit der Herde. Für diese „Übung“ wähle ich Coco für mich aus, den Co-Leader. Es geht darum, ins Gefühl zu kommen, auf die Intuition zu hören, Impulse wahrzunehmen. Und die Pferde reagieren darauf. Es ist ein wundervolles Gefühl, wenn so ein großes, kraftvolles und von Natur aus schreckhaftes Tier ganz ruhig wird und seine Kehlbeuge vertrauensvoll auf deiner Schulter ablegt. Ich würde behaupten: Das ist nicht nur für Menschen berührend, die eh schon was mit Pferden am Hut haben – diese Erfahrung wünsche ich einfach jedem! Du musst es natürlich auch (aus)halten können. Unsere Aufgabe ist dabei, darüber nachzudenken oder besser: nachzufühlen, wie wir dieses Pferd führen können. Was brauche ich dafür? Auch wenn es mir schon vorher klar war, weil ich mit ähnlichen Konzepten arbeite, wird hier auf der Weide noch mal ganz deutlich: das A und O von gelungener Führung ist die eigene Selbstführung!

Screenshot aus einem Video: Horse follow closely. Die Beharrlichkeit der Teilnehmerin hat sich gelohnt: nach 10 Minuten klappte das auch im Trab …

Und das machen wir dann auch als nächstes. Führen. Bring mal ein Herdentier dazu, sich von seiner Gruppe abzuspalten und dir vertrauensvoll zu folgen, natürlich ohne Gewalteinwirkung … Was wir hier machen, ist keinesfalls rein akademisch, sondern hat echten Praxisbezug: Bring mal deinen Mitarbeiter dazu, etwas zu tun, was sich ihm nicht direkt erschließt, und dir vertrauensvoll zu folgen, natürlich ohne Gewalteinwirkung. Coco kann ich problemlos separieren. Auf die Anfrage, ob er mir denn auch – frei, ohne Strick! – in die der Herde entgegengesetzte Richtung folgen würde, kommt ein klares „Nein“ von ihm und so lasse ich ihn gehen. Wie im „echten“ Leben: Druck machen bringt hier gar nichts, wenn wir uns das Vertrauen nicht verspielen wollen.

Dominanz, Bestrafung oder „böse sein“ hat hier keinen Platz. Diese Bilder entstammen unseren alten, negativen Erfahrungen mit schlechter Führung. Gute Führung bedeuet: Ich synchronisiere all meine Ebenen – Gefühl, Intellekt, Körper. Wenn ich das Gefühl weglasse, werde ich zum Roboter – und komme möglicherweise unter die Hufe.

Tag 4: Backbonding und Ausritt

Back Bonding mit Haflinger Giulio: eine sehr tiefgehende Erfahrung.

Eine ganz neue Erfahrung darf ich am Sonntagvormittag noch machen. Nach dem Free Bonding kommt nämlich das Back Bonding. Salopp gesagt: Chillen auf dem blanken Pferderücken. Getragen vom Leben, geschützt von der Gruppe. Es sieht vielleicht aus, wie „Einfach mal auf’s Pferd legen“, bedarf aber eines gesicherten Raums und Rahmens. Ich habe noch nie in dieser Deutlichkeit gespürt, wie sehr sich ein Pferd unter mir entspannen kann, wenn ich mich entspanne. Zur Trance hätte nicht mehr viel gefehlt, doch: meldet euch bei Nina und probiert es selber einmal aus!

Schweigend führen wir am Ende die Pferde zum Stall. Nina erklärt das Putzen der Tiere, und auch ich lerne ein neues Detail: Halte deinen Kopf oben, wenn du unter dem Pferdehals auf die andere Seite ‚tauchst‘ – ein Alphatier wird das Signal verstehen und wissen, dass es bei dir nur an zweiter Stelle steht.

Abschlussritt mit Ringo.

Der Pferdemensch-Workshop schließt mit einem wunderschönen zweistündigen Ausritt im Schritt durch den Wald – in dieser Form auch absolut für Menschen geeignet, die noch nie auf einem Pferd gesessen haben! Noch viel mehr ermöglicht Nina euch vielleicht mit den Anschlusskursen für Geländereiter

Fazit:

So viel geschrieben und doch eigentlich unbeschreibbar. Dieser Kurs geht viel weiter als alles, was ich im Bereich ‚pferdegestütztes Coaching‘ je erlebt habe. Er ist übrigens nicht nur für Frauen, auch wenn diesmal zufällig keine Männer dabei waren. Und er ist nicht nur für Pferde-Fans. Sondern er ist für alle, die Innehalten wollen in einer hektischen Zeit, die ihr wahres Wesen tiefer ergründen wollen, die zurück ins Spüren kommen und die Klarheit ihrer Intuition erleben möchten. Für Menschen, die Mensch sein und der Wahrheit ihres Herzens folgen wollen: follow your heart – closely!

Danke, Nina!