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Du streitest dich mit einem Narzissten und die Sache landet vor Gericht? Recht haben und Recht bekommen sind leider zwei paar Schuhe. Wenn du im Rechtsstreit mit einem Narzissten die Oberhand behalten willst, solltest du ein paar Regeln beachten. Ich habe mir das Thema mal vorgenommen, weil sich diesbezüglich in letzter Zeit die Anfragen an mich gehäuft haben … 

Gründe, deinen Anwalt anzurufen, hast du in einer toxischen Beziehung zu einem Narzissten in vielen Fällen genug! Bei Paaren geht es häufig um das Sorgerecht für die Kinder, um Abstandsregelungen oder um Immobilien, in Geschäftsbeziehungen um Finanzielles, in Familien um Erbstreitigkeiten.

Die Leute vom Jugendamt, Anwälte und Richter haben im Normalfall wenig Ahnung von der narzisstischen Persönlichkeitsstörung und ihren Anzeichen. Denn sie haben nur in Ausnahmefällen eigene Erfahrungen damit, wie es sich anfühlt, unter die Räder narzisstischer Ausbeutung und emotionalen Missbrauchs gekommen zu sein. Sie kennen die fatalen Auswirkungen auf Selbstvertrauen, Geist und Gesundheit nicht. Im Volksmund gelten besonders eitle Menschen als narzisstisch – und was ist schon so schlimm daran, wenn jemand gern in den Spiegel schaut? Weiter reicht das Wissen der Fachleute, auf die du bei einem Rechtsstreit triffst, in Sachen Narzissmus oft nicht.

Und es ist nicht deine Aufgabe, sie zu belehren oder zu deinen Gunsten zu bekehren: Wenn du es in der kurzen Zeit – was ist eine Stunde Anhörung gegen Jahre der narzisstischen Manipulation? – versuchst, schwächst du deine Position ganz erheblich!

Das führt mich direkt zu Tipp 1 … Vorab sei sicherheitshalber noch erwähnt, dass es sich wie immer beim Narzissten auch um eine Frau und beim Opfer auch um einen Mann handeln kann. Auch, wenn ich es nur aus der häufiger vorkommenden „männlicher Täter – weibliches Opfer“-Sicht beschreibe, um meinen Text unkompliziert zu halten.

1. Vermeide es, deinen Gegner vor Gericht als Narzissten zu bezeichnen

Auch Begriffe wie psychisch krank, gestört, Borderliner, bipolar oder Psychopath solltest du tunlichst nicht aussprechen. Erstens gibt es auch genügend A….löcher mit toxischen Verhaltensweisen, bei denen es für eine klinische Diagnose nicht ausreicht. Du kannst deine Behauptung also nicht beweisen. Außer, es liegt eine bescheinigte Diagnose vor, dann sorge bitte dafür, dass dein Anwalt sie zum Gerichtstermin mitbringt.

Zweitens verhalten sich Narzissten vor Gericht meist so dermaßen perfekt, höflich, charmant und dem Gericht gegenüber kooperativ, dass dir deine Behauptung eher auf die eigenen Füße fällt, als dass sie jemanden beeindruckt. So ungerecht wie das auch klingen mag, ist es leider die Wahrheit.

Drittens kennen sich die meisten Anwälte und Richter, wie schon erwähnt, mit extremem oder pathologischem Narzissmus nicht aus und können mit dem Begriff „Narzisst“ nichts anfangen. Das einzige, was sie interessiert, sind Fakten: Wer steht im Grundbuch? Liegen Strafanzeigen vor? Zeigen die Kinder Anzeichen von Verwahrlosung oder körperlicher Gewalt? Gibt es schriftliche Verträge, Testamente, Schenkungen?

Das bringt uns zu Tipp 2 …

2. Sammle Fakten gegen den Narzissten

Obwohl du die Zuschreibung „Narzissmus“ lassen solltest, kannst du vor Gericht berichten, was der Narzisst dir körperlich und seelisch angetan hat. Dein Anwalt sollte darüber bereits umfassend informiert sein und ihr solltet euch abgestimmt haben, was du erzählst. Denn Richter wollen keine rührenden Geschichten, sondern Beweise. Briefe, alte Tagebucheinträge, Chatverläufe, Mails, Zeugenaussagen, Atteste von Ärzten, Berichte von Therapeuten, Fotos von Körperverletzungen, Anzeigen bei der Polizei, sonstige Dokumente. Vorsicht: Solltest du Gespräche heimlich aufgezeichnet haben, behältst du das besser für dich! Das ist nämlich in den meisten Fällen illegal. Sprich bitte mit deinem Anwalt darüber, solltest du solches Beweismaterial verwenden wollen.

3. Bereite dich auf den narzisstischen Angriff vor

Der Narzisst wird möglicherweise dich als gestört, krank, verrückt, schizophren oder hysterisch bezeichnen. Darüber kannst du dich sogar freuen, denn hier gilt umgekehrt das Gleiche wie oben: Ein Richter kann mit solchen Aussagen nichts anfangen und dein Gegner rückt sich damit selbst in ein schlechtes Licht. Ebenso, wenn er den Choleriker rauslässt und anfängt, laut zu werden oder sonstwie die Show zu machen.

Doch selbst, wenn er das lässt, wird er keine Chance auslassen, dich anzugreifen und zu schwächen: Er gibt vor Gericht deine intimsten Geheimnisse preis, plaudert ungeniert aus dem Nähkästchen eurer Beziehung oder Familiengeschichte. Er kennt all deine Knöpfe und er wird sie drücken! Er wird lügen, dass sich die Balken biegen – alternative Fakten sind sein bester Freund! Er wird dich demütigen, will dich zum Ausrasten bringen und der Welt beweisen, dass du eine böse, gefährliche Frau oder eine schlechte Mutter oder am besten gleich beides bist.

Vergiss nicht, der grandiose Narzisst braucht Drama und muss immer im Mittelpunkt stehen! Wenn ihm das gelingt, wird er bzw. sein Anwalt in einer Verhandlung sehr viel mehr Redeanteil erhalten, als du. Das sagt aber nichts über den Ausgang eures Rechtsstreits aus! Auf der Bühne seiner eigenen Inszenierung wird er geschickt zwischen souveränem Prinz Charming und armem Opfer hin- und herwechseln und versuchen, alle Leute im Raum einzuwickeln und für sich zu gewinnen. Die Botschaft ist immer die gleiche: er hat Recht und du bist an allem schuld!

4. Habe ein Ziel vor Augen

Wenn du dir regelmäßig bildlich vorstellst, wie du in der Karibik am Strand liegst, fällt es dir leichter, für den Urlaub zu sparen.
Und wenn du dir regelmäßig vorstellst, wie du erhobenen Hauptes aus dem Gerichtsgebäude spazierst, weil Justizias Waagschale sich zu deinen Gunsten geneigt hat, wie du bekommst, was du willst, dann fällt es dir leichter, die enorme Anstrengung und Belastung des Prozesses und des Gerichtstermins zu überstehen.

Sei dir klar, was du willst. Mit einem Ziel vor Augen bleibst du ruhiger und fokussiert, und lässt dich nicht so leicht von Nebenkriegsschauplätzen ablenken. Denn die wird der Narzisst aufmachen!

Lass dich nicht verstricken in Nebengeschichten oder unwichtige Gespräche. Der Narzisst wird permanent Storytelling betreiben und Nebenkriegsschauplätze eröffnen, um dich dumm dastehen zu lassen. Bleibe fokussiert auf dein Ziel, weise höflich darauf hin, dass es hier um was anderes geht und diese Geschichte keine Rolle spielt. Bleibe entspannt nach außen hin. Sachlich antworten und immer wieder daran erinnern, warum ihr hier seid. Dem Affen keinen Zucker geben – lass es!
Widersprechen ja, aber ruhig.

Frag dich: „Wann hat sich dieser Kampf für mich gelohnt?“

Doch sei achtsam bei der Wahl deiner Ziele: Wenn es dir vor allem darum geht, dich zu rächen, ihm eins auszuwischen oder der Welt zu beweisen, dass der Typ gestört und narzisstisch ist, schwächst du deine eigene Position, kämpfst gegen Windmühlen und wirst möglicherweise verlieren!

Vielleicht kennst du den Spruch: „Groll ist wie Gift zu trinken und zu erwarten, dass der andere stirbt.“

5. Bleib ruhig und respektvoll

Wie bitte? Er ruiniert deinen Ruf und hat dir Schlimmstes angetan, und jetzt schreibt die Pietzko hier was von Ruhe und Respekt?! Mir ist klar, dass du innerlich zwischen Todesangst und Mordlust schwankst, ich war selbst an diesem Punkt. Doch wenn du die Chance erhöhen willst, vor Gericht zu gewinnen, bleib ruhig und gelassen. Lass dich auf keinen Fall triggern!

Wie man das schafft?

Fang am besten heute noch an, dir deine Belastung von der Seele zu schreiben. Aus dem Gehirn raus aufs Papier. Fang an, dich mehr zu bewegen und zu meditieren. Wenn du lernst, dich bei jeder Aufregung wieder auf deinen Atem zu konzentrieren, dann bist du in der Lage, dich auch jederzeit wieder auf dein Ziel zu fokussieren und automatische Reaktionen (wie ebenfalls die Stimme zu erheben oder dich zu verteidigen) rechtzeitig zu stoppen.

Nimm einen unauffälligen Gegenstand mit, zum Beispiel einen kleinen Stressball oder einen Stein, den du in der Hand halten und drücken kannst, wenn du Stress verspürst oder wütend wirst. Manchen meiner Klienten hilft auch ein Gebet oder ein Mantra wie „Ich erfahre Gerechtigkeit“ oder „Ich bin ruhig und gelassen“ oder „Ich verdiene das beste Ergebnis“. Du kannst auch ein Notizbuch oder einen Stift auf den Tisch vor dir legen, auf den du deinen Blick und deine Gedanken fokussierst, wenn es emotional hoch hergeht. Vermutlich wird eh die meiste Zeit dein Anwalt für dich sprechen …

6. Verbale Kommunikation

Tipp Nummer sechs hat ganz viel mit Tipp Nummer fünf zu tun: denn deine Kommunikation sollte ruhig und gelassen bleiben. Sowohl verbal als auch körpersprachlich. Wenn du es schaffst, so cool zu bleiben, dann wird das deinen Gegner höchstwahrscheinlich triggern, sodass er ausrastet und sein wahres Gesicht zeigt. Punkt für dich! Hier kommt die Kommunikations-Anleitung

  • Eigentlich sollte es klar sein: Du lässt alle im Raum ausreden! Den Narzissten, seinen Anwalt, den Richter, deinen Anwalt, Zeugen.
  • Im Idealfall lässt du deinen Anwalt für dich sprechen, wenn du etwas gefragt wirst
  • Wenn du mit dem Narzissten direkt sprechen musst, sprich ihn persönlich an, statt in der dritten Person. Also „Du hast eben gesagt, dass …“ statt „Er hat eben gesagt, dass …“.
  • Bleibe in deinen Aussagen bei der Wahrheit. Erfinde nichts, überspitze nichts, rede nüchtern und sachlich. No Drama, Baby!
  • Wer fragt, führt! Lass ihn nicht führen, das hat er lange genug mit dir gemacht. Und er wird dir höchstwahrscheinlich Fragen stellen, wenn er sich gut vorbereitet hat. Damit will er dich (natürlich!) manipulieren und mit dem Rücken an die Wand manövrieren. Beispiele sind „Wie siehst du das?“ oder „Wie kannst du erklären, dass …“ oder „Du fandst es doch auch gut, dass …“. Auch auf andere Arten von Fragen kannst du dich einstellen. Antworte nicht darauf. Wenn du musst, dann weiche aus mit „Interessante Ansicht“ oder „Da muss ich drüber nachdenken“
  • Noch besser: Du stellst eine Gegenfrage! Da der Narzisst ja immer im Mittelpunkt stehen muss, kann es gut sein, dass er drauf reinfällt und dann anfängt zu erzählen, wie die Dinge aus seiner Sicht geregelt sein sollten. Meist kommt da ziemlich verqueres Zeug bar jedes gesunden Menschenverstands bei raus. Du kannst es dem Richter überlassen, sich davon ein eigenes Bild zu machen. Lass dich nicht auf Frage- und damit Machtspiele ein! Denn egal was du auf eine seiner Fragen antwortest, er wird die Chance nutzen, dir daraus einen Strick zu drehen: wenn du A sagst, sagt er B, wenn du B sagst, ist er für A.
  • Wenn er ein Thema in der Tiefe diskutieren will oder dir Vorwürfe macht, gehe nicht darauf ein, sondern führe ihn immer wieder zurück zum Thema des Gerichtstermins. Hilfreich sind intelligente Formulierungen wie „Deine Fehleinschätzung meines Charakters/Verhaltens/etc. ist interessant, doch das ist hier nicht das Thema“ oder „Schade, dass du so denkst/empfindest/meinst, nicht anders handeln zu können – die Verantwortung dafür liegt allein bei dir. Heute geht es um xyz …“
  • Gut ist, dich auf etwas zu beziehen, was er in dem Moment gesagt hat, und es sofort zurückzugeben: „Ich höre, dass du eine andere Erinnerung an das Ereignis damals hast als ich – können wir jetzt bitte wieder über den Grund unserer Verhandlung sprechen?“ So kannst du auch souverän mit seinen Lügen oder der Verdrehung von Tatsachen umgehen – überlass es mit solchen Worten deinem Anwalt, beweisbare Fakten auf den Tisch zu bringen.

7. Körpersprache, Atem und Stimme

Der US-Wissenschaftler Albert Mehrabian hat die 7-38-55-Regel aufgestellt. Sie besagt, dass nur sieben Prozent dessen, was du inhaltlich sagst, auf deinen Eindruck beim Gegenüber einzahlt. Der Ton macht die Musik, und zwar zu 38 Prozent: deshalb mein Tipp, ruhig und höflich zu bleiben … Und 55 Prozent der Wahrnehmung deiner Person gehören deiner Haltung, Mimik, Gestik und auch der Kleidung. Die rein sprachliche Botschaft macht unbewusst nur einen kleinen Teil der Kommunikation aus. Deshalb gibt es noch ein paar Tipps zum Visuellen: deiner Körpersprache!

  • Gehe und sitze in aufrechter Haltung; sollte es irgendwo zum Händeschütteln kommen, achte auf einen festen Griff: Es geht auch bei dir nicht um die Stilisierung als Opfer, sondern darum, als Herrin im eigenen Haus souverän aufzutreten und einen guten Eindruck auf den Richter zu machen.
  • Deine Finger sollten nicht höher wandern als bis zu deinem Schlüsselbein: Dein Gesicht anzufassen oder mit deinen Haaren zu spielen, wird (unbewusst) als Zeichen von Schwäche und Nervosität gedeutet.
  • Selbstverständlich solltest du auch kein „Fingerpointing“ betreiben: achte auf deine Hände! (siehe auch Tipp mit dem Stressball in der Tasche; die andere Hand gehört dann aber auf den Tisch)
  • Schaue dem Narzissten nicht in die Augen, denn das wird dich wahrscheinlich schwächen. Wenn du in seine Richtung schauen musst, zum Beispiel bei persönlicher Rede, fixiere einen Punkt an der Wand hinter ihm oder fokussiere dich auf die Stelle zwischen seinen Augenbrauen. Kein Außenstehender wird merken, dass du ihn nicht direkt ansiehst
  • Auch der Atem gehört zum Körper: Nimm dir Zeit, einmal still tief auszuatmen und wieder einzuatmen, bevor du sprichst.
  • Wenn deine Stimme unter Stress höher wird, versuche, sie zu senken. Denn eine tiefere Stimme wirkt angenehmer und klarer. Du kannst kauen oder gähnen, bevor du sprichst, oder deinen Satz gelegentlich mit einem „Hmmm …“ beginnen lassen. Das lockert die Stimm-Muskulatur, der Kehlkopf entspannt sich, die Stimme wird tiefer klingen.

Fazit

Von Narzissten gebeutelte Menschen sind oft psychisch angeschlagen, kognitiv nicht ganz auf der Höhe (ich meine das nicht böse: längerer narzisstischer Missbrauch verändert das Gehirn!) und auch körperlich geschwächt. Der Wunsch, den Auslöser für diesen schlimmen Zustand verantwortlich zu machen, ist groß – und verständlich! Doch verabschiede dich von der Idee, allen beweisen zu wollen, dass der Gegner deines Rechtsstreits ein Narzisst ist. Es schwächt deine eigene Position!

Besonders Frauen und Mütter haben große Angst, dass ihnen niemand glaubt. Sowohl grandioser als auch vulnerabler narzisstischer Missbrauch können sich offen oder verdeckt äußern. Die verdeckten Verhaltensweisen fliegen unter dem Radar und sind auch für Profis oft nur schwer zu erkennen. Opfer-Täter-Umkehr ist deshalb keine Seltenheit. Umso wichtiger ist es für dich, höflich und souverän zu bleiben, dich nicht triggern zu lassen und dich auf Fakten zu beziehen – sonst kippst du vor Gericht Wasser auf die Mühlen des Narzissten, der dich als die Böse und die Verrückte darstellen möchte.


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Bild von Sang Hyun Cho auf Pixabay

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