In einem Konfliktfall – einer Meinungsverschiedenheit mit dem Kunden, einer Eskalation mit dem Finanzamt oder einem Streit mit der Ehefrau – verfallen wir Menschen gerne in einen von drei Zuständen: Wir werden aggressiv und greifen an. Wir sehen uns in die Enge gedrängt und verteidigen uns oder wir laufen weg. Alternativ stecken wir den Kopf in den Sand und stellen uns tot. Fight, flight, freeze.
Diese so genannten drei F sind Stressreaktionen, und sie treten auf, wenn wir uns aus unserer Komfortzone – dem Bereich von Sicherheit, Routine und Entspannung – herausbegeben, die Stretch-Zone – das Areal der meisterbaren Herausforderungen – durchschreiten und dann an der Grenze zur Panikzone angelangt bzw. weit darüber hinaus gegangen oder geschubst worden sind. Willkommen im Bereich der Überforderung!
Ergänzung vom April 2026
In meinem Text von August 2019 fehlte noch ein viertes F – es ist das Unbekannteste, aber das Heimtückischste von allen!
Pete Walker, ein Psychotherapeut, der auf komplexe Traumata spezialisiert ist, hat es bereits 2003 in einem Artikel beschrieben: die Fawn Response. Ich habe diesen Begriff erst 2024 bei meiner Ausbildung als auf Trauma spezialisierter Coach bei Verena König kennengelernt. Fawn (engl.) heißt ‚Rehkitz‘ und ist gleichzeitig das Verb ‚to fawn‘: schmeicheln, katzbuckeln, sich unterwerfen. Dieses doppelte Bild ist kein Zufall. Das hilflose Bambi macht sich klein, um zu überleben.
Wer fawnt, kämpft nicht, läuft nicht weg und erstarrt auch nicht. Wenn du in diesem Muster gefangen bist, machst du dich zum Spiegel der Bedrohung und stimmst zu, obwohl du innerlich kochst. Du entschuldigst dich, obwohl du nichts falsch gemacht hast. Du machst dich kleiner, als du bist – nur damit der andere ruhig bleibt und zufrieden ist.
Nach außen sieht das aus wie Harmonie, Friedfertigkeit. Was für eine angenehme, empathische Person du bist! In Wirklichkeit ist es pure Überlebensstrategie. Wer als Kind gelernt hat, dass Anpassung sicherer ist als Widerstand – zum Beispiel weil ein Elternteil narzisstisch oder anderweitig emotional unberechenbar war –, trägt dieses Muster oft bis tief ins Erwachsenenleben. Im Konfliktfall schaltet das Nervensystem automatisch in den Beschwichtigungsmodus. Kurzfristig funktioniert das. Langfristig macht es kaputt, weil Fawn bedeutet: „Ich verliere mich selbst, um den anderen zu halten.“
Wenn du erkennst, dass du dich in Konflikten eher klein machst als klar positionierst: Das ist kein Charakterfehler. Es ist ein erlerntes Muster – und Erlerntes lässt sich verändern. Wie das geht und was Sprache damit zu tun hat, liest du im ersten Artikel über Gewaltfreie Kommunikation.
Was uns stresst, lässt uns in diesen Zuständen sofort reagieren, wir können keinen Puffer mehr zwischen Reiz und Reaktion bringen. Die dazugehörigen Reaktionsgefühle heißen Ohnmacht, Angst bis hin zur Panik, und Wut.
Doch wie kommt es in unserem Gehirn dazu?
Lässt der Thalamus, der Torwächter unseres Bewusstseins, überhaupt zu, dass eine Information über unsere Sinne eindringen kann, passiert Folgendes: Der Thalamus schickt die Information gleichzeitig an zwei Orte: ins Emotionszentrum mit der Amygdala und ins Großhirn, dort wohnt der Verstand. Allerdings ist der Weg zum Emotionszentrum kürzer – wir reden hier über einen Unterschied von Sekundenbruchteilen. Dort entscheidet die Amygdala, deren Hauptaufgabe es ist, Lebensgefahr zu erkennen und das Bedürfnis nach Sicherheit zu erfüllen, ob der eingetroffene Reiz harmlos oder gefährlich ist. Viel Zeit für belanglose Diskussionen unter Neuronen ist da nicht. Wurde die Situation, das Tier oder eben der Konflikt als Bedrohung erkannt, hat die Amygdala bereits alle Truppen mobilisiert. Soll heißen, der Blutdruck steigt, die Atmung geht schneller, die Handflächen werden feucht und wir sind möglicherweise auch bereits losgerannt, um den Feind (verbal) zu packen. Oder wir fawnen. Wohlgemerkt, bevor die Information auch nur im Großhirn angekommen ist!
Dort wird dann der Hippocampus aktiv, der Bibliothekar unseres Gehirns. Er macht einen Quick-Check, ob die Information bekannt ist, ob das Problem aufgrund der bisherigen Lebenserfahrung zu lösen ist oder ob es sich um einen Irrtum handeln könnte. Lauten die Antworten auf solche Fragen „ja“, dann reden wir von Eu-Stress , dann beruhigt sich auch die Amygdala und stellt die Stressreaktion wieder ab. Wir sind dann in der Lage, einen Weg zu finden, um unsere Bedürfnisse zu erfüllen und die jeweilige Situation zu meistern. Findet der Hippocampus jedoch nichts, worauf er zurückgreifen kann, übernimmt erneut das Emotionszentrum, wir sind im Dis-Stress. Unsere Selbststeuerung geht verloren, es bleiben nur noch die vier „F“ – solange, bis wir eine Erfahrung machen, die uns hilft, die Situation wieder in den Griff zu kriegen, oder bis es „gemeinsam in den Abgrund“ (so bezeichnet der Konfliktforscher Friedrich Glasl die letzte Eskalationsstufe) geht …
Was kannst du jetzt tun?
Um zu lernen, auch in stressigen Situationen ruhig zu bleiben und den besagten Puffer zwischen Reiz und Reaktion zu bringen, helfen Meditation und Achtsamkeitsübungen. Der erste Schritt, die eigenen Impulse gezügelt zu kriegen und bei Stress nicht in altbekannte Verhaltensmuster zu fallen, ist allerdings, sich der Sache bewusst zu werden. Sich bewusst zu werden, was da gerade in einem drin passiert. Sich bewusst zu werden, dass man immer die Wahl hat, wie man reagieren möchte – auch, wenn es vielleicht anfangs schwer fällt, das zu glauben. Wenn du bis hierhin gelesen hast, hast du diesen ersten Schritt bereits gemacht.
Du willst genauer erforschen, wieso du unter Stress so reagierst, wie du reagierst, und wie du das verändern kannst?
Dann buche dir ein persönliches kostenloses Kennenlerngespräch oder eine erste Kurzberatung mit mir.
Danke für diese wertvollen Informationen. Ich lebe seit 12 Jahren mit einem Narzisten zusammen und habe durch Yoga gelernt schlimme Situationen wegzuatmen. So behalte ich die Oberhand und kann meinem Gegenüber ehrlich ins Gesicht lächeln, was den dann natürlich erst so richtig in Fahrt bringt. Aber ich habe die Situation „überlebt“. Das gelingt natürlich nicht immer. Manchmal raste ich auch komplett aus. Das tut dann auch gut.