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Gibst du „Toxische Beziehung“ bei Google Trends ein, kannst du sehen, dass das Interesse an diesem Begriff seit dem ersten Corona-Lockdown signifikant gestiegen ist*. Google selbst liefert heute fast 1,5 Millionen Suchtreffer dazu. Ich möchte zwei Fragen nachgehen: Warum bleiben wir häufig so lange in Verbindungen, die uns vergiften? Und sollten wir Menschen wirklich als toxisch, also als giftig, abstempeln?

Auf Platz 5 der artverwandten Suchbegriffe finden wir ihn dann auch schon: Den Narzissten, der häufig gemeint ist – ob männlich, ob weiblich – wenn das Wort „toxisch“ im Zusammenhang mit Verhalten fällt. „Toxisch“ dient als Metapher dafür, dass jemand einem anderen Menschen nicht guttut. Und Narzissten stehen dabei ganz oben auf der Liste der Kandidaten.

Systematisches Vergiften deiner Seele

Es geht hier wohlgemerkt nicht darum, dass man jemanden unsympathisch findet oder dass man mal einen Konflikt hat. Sondern um das systematische Kaputtmachen von Seelen, das du in solch ungesunden zwischenmenschlichen Beziehungen erleben kannst: der Wahnsinn hat Methode!

Ein Narzisst würde sein Opfer dabei niemals sofort komplett vergiften, denn er braucht es ja dauerhaft als narzisstische Quelle. Er tut es langsam, oft über Jahre hinweg, und so subtil, dass du es erst merkst, wenn es zu spät ist und du dich nicht mehr (weg) bewegen kannst. Wenn du bereits abhängig bist und auf den nächsten Schuss der Droge wartest – in Form von einem Häppchen Freundlichkeit, Zuwendung, Zärtlichkeit oder Lob für deine Arbeit: Toxische Beziehungen gibt es im Privat- wie im Berufsleben.

Wenn dich Empathie ins Verderben führt

Lass mich die zweite Frage zuerst beantworten und dazu ein bisschen ausholen: Ich bin ausgebildet in Gewaltfreier Kommunikation nach Marshall Rosenberg und halte deshalb eigentlich nicht viel davon, jemanden durch eine feste Zuschreibung abzustempeln und zu verurteilen: „Du bist unzuverlässig. Du bist schusselig. Du bist doof …“. Es handelt sich hier nämlich nicht um eine Tatsache oder um ein Naturgesetz, sondern um meine wenig wohlwollende Interpretation von beobachtetem Verhalten. Der gleiche Mensch kann sich auch zuverlässig, geschickt und clever verhalten.

Der (bipolar gestörte) verdeckte Narzisst in meinem eigenen Leben stand regelmäßig vor mir und lamentierte in seinen depressiv-reflektierten Phasen, wenn ich mal wieder – trotz seines in manischen Phasen ausgeprägten A…lochtums – nett und verständnisvoll ihm gegenüber war: „Aber ich bin doch so schwierig!“. Ich sagte ihm dann stets, dass ich ihn in eine Schublade stecke, aus der er nie wieder herauskommt, wenn ich ihm das glaube. Deswegen glaubte ich ihm auch nicht …

Rückblickend betrachtet: Groooßer Fehler!

Aus diesem Grund habe ich oben das Wort „eigentlich“ verwendet. Ganz bewusst.

Wie der Narzisst mit deinen Gefühlen und Bedürfnissen umgeht

Menschen, deren Verhalten man als unzuverlässig oder unpünktlich bezeichnen würde, können sich ändern. Sie können dazulernen, über dich und über sich selbst. Deshalb ist es besser, ihnen keine „Namen“ zu geben – „Ah, Uwe Unpünktlich ist auch schon da!“ wäre deinerseits passiv-aggressives Verhalten! –, sondern ihnen zu sagen, was man beobachtet hat und was das mit einem macht: „Uwe, du bist heute zum dritten Mal hintereinander eine halbe Stunde nach unserer Verabredung gekommen. Mich stresst das, weil ich ungern warte und möchte, dass du meine Lebenszeit respektierst. Kannst du bitte beim nächsten Mal zum verabredeten Zeitpunkt da sein?“. Ein Mensch, der dir aufrichtig wohlgesonnen und zur Selbstreflexion fähig ist, und nicht dazu neigt, jedes Bedürfnis anderer Leute gleich als Kritik an der eigenen Person anzusehen, würde deiner Bitte wahrscheinlich nachkommen.

Einem narzisstischen Menschen ist dein geäußertes Bedürfnis völlig egal. Er würde sich von deiner gezeigten Emotion ernähren und durch weiteres Zuspätkommen dafür sorgen, dass er mehr davon bekommt. Nun, da du ihm eine deiner Schwachstellen auf dem Silbertablett präsentiert hast, wird er oder sie das ausnutzen, um dich weiter zu manipulieren. Das Beispiel eignet sich auch prima, um noch die Methode Gaslighting anzuflanschen: „Du irrst dich, wir waren gar nicht um 12 Uhr verabredet, sondern erst um halb 1 … Immer bringst du alles durcheinander!“ Aber ich schweife ab, darüber muss ich an einem anderen Tag mal was schreiben …

Es gibt also leider auch Menschen, die sich im Normalfall nicht verändern können. Weil sie es nicht wollen bzw. weil ihre Persönlichkeitsstörung so ausgeprägt ist, dass es ihnen psychisch nicht möglich ist. Die Scham der Selbsterkenntnis ist so groß und schmerzhaft, dass viele Narzissten sich an einem gewissen Punkt lieber umbringen, als in eine Klinik zu gehen, in der sie wahrhaftig in den Spiegel sehen und sich ihrer tiefsitzenden narzisstischen Kränkung stellen müssten.

Anzeichen einer toxischen Verbindung

Hier ein paar Beispiele:

  • Die Beziehung tut dir nicht gut: Sie ist dauerhaft anstrengend und nimmt dir mehr Kraft, als sie dir gibt.
  • Du erlebst psychische Gewalt: wirst schlecht behandelt, abgewertet, beschimpft, bestraft, manipuliert, emotional erpresst.
  • Du darfst dich bei dem anderen Menschen nicht zeigen, wie du bist. Wenn du es tust, wirst du z.B. als „affig“ oder „zickig“ bezeichnet.
  • Du bist stets Schuld und wirst verantwortlich gemacht für das Leid des anderen.
  • Du hast zu funktionieren um seine oder ihre Bedürfnisse zu befriedigen.
  • Deine eigenen Gefühle und Bedürfnisse werden ignoriert bzw. sie sind nicht erlaubt und werden dir ausgeredet.

So eine Beziehung ist nicht zu retten!

Zwischenfazit: Toxisches Wesen oder toxisches Verhalten, das ist hier die Frage?

Ein Narzisst schafft es, sogar toxisch zu sein, wenn er nett zu dir ist. Weil nicht du damit gemeint bist, sondern weil er das Nettsein nutzt, um dich bei der Stange zu halten. Er spürt ganz genau, wenn er mal wieder etwas nachspritzen muss, damit du nicht aus der von ihm initiierten, permanenten Sedierung erwachst und ihn verlässt oder kündigst. Der ganze Typ oder die ganze Tussi ist von vorne bis hinten manipulativ! Deshalb: Wenn ich normalerweise im Kommunikationstraining oder in der Mediation davon abrate, jemandem eine Eigenschaft fest zuzuschreiben und Verhalten stets von Personen zu unterscheiden, weil psychisch gesunde Menschen nie „immer“ oder „nie“ so und so sind, bin ich bei Narzissten geneigt, eine Ausnahme zu machen: Ich kenne nicht so viele Geschichten, die damit enden, dass ein Narzisst geheilt eine Klinik oder Therapie verlässt und danach eine glückliche, stabile, gesunde Beziehung zu sich selbst und anderen führt. Toxisch ist hier vielleicht nicht nur das Verhalten und seine Wirkung auf dich, sondern, so traurig das klingt, die gesamte Person. Und gerade dann sollten wir das Wort toxisch nicht leichtfertig verwenden, nur weil uns mal jemand geärgert hat oder Verhalten zeigte, das sich nicht mit unseren individuellen Werten deckt. Lass mich das als Arbeitshypothese aufstellen, nicht als finales Urteil.

Ich freue mich über deine Ansicht dazu in den Kommentaren.

Teil 2 coming soon: Weshalb du in einer toxischen Beziehung bleibst

Tatsächlich ist das jetzt ein guter Punkt, um aufzuhören für heute. Ich möchte aus diesem Blogpost einen Zweiteiler machen, das wird sonst zu viel auf einmal.

In Teil 2 wende ich mich der ersten Frage zu: Warum bleiben wir denn überhaupt in einer toxischen Beziehung? Und das hat leider ganz schön viel mit uns selbst zu tun, weil es bei aller Empathie und Selbstreflexion auch etwas tief in uns zu heilen gibt, was wir dazu erstmal ausbuddeln müssen …

Original-Bild „Toxisch“ von Kev auf Pixabay

*Woran das liegt – mehr häusliche Gewalt, ein steigendes Bewusstsein für krankhaft narzisstische Charaktere oder lediglich ein neues Modewort – mag ich nicht zu sagen.

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