Die Führungsposition – vielleicht hast du sie lang ersehnt und nun endlich erreicht. Wie so viele vor dir stellst auch du dir jetzt vermutlich Fragen wie: „Wie werde ich der neuen Anforderung am Besten gerecht? Wie führe ich mein Team gut?“ Vielleicht bist du auch schon lange in der Führungsrolle, hast aber gemerkt, dass die Dinge irgendwie anders laufen als noch vor ein paar Jahren. „New Work und so“ ist angesagt, und Corona hat die Arbeitswelt darüber hinaus einmal auf den Kopf gestellt. Ich finde, dass die Welt richtig, richtig gute Leader braucht, und ich wünsche mir, dass du einer bist oder einer wirst. Mein Beitrag über das Y-Menschenbild von McGregor lässt dich die Menschen, die du führen darfst, vielleicht durch eine neue Brille sehen …

Douglas McGregor hat sie X und Y getauft: die Philosophie der patriarchalisch-hierarchischen Mitarbeiterführung und seinen eigenen Gegenentwurf. Beide Theorien stehen für komplett gegensätzliche Menschenbilder. Das Ganze war übrigens schon 1960 – umso erschreckender finde ich, dass meiner Erfahrung nach nur wenige Führungskräfte davon wissen.

Schauen wir uns das doch mal näher an …

Arbeitsscheues Gesindel: der X-Mensch

Laut Theorie X

  • ist der Mensch von Natur aus faul und arbeitsunwillig
  • muss er durch Kontrolle, Belohnung und Strafe geführt werden, sonst legt er die Hände in den Schoß
  • hat er kein Interesse an Verantwortung und will alles vorgekaut bekommen
  • sind Geld, Status und Angst das, was ihn motiviert
  • sind Menschen nur dann kreativ, wenn es darum geht, eigene Vorteile rauszuholen

Die zentrale Frage, die ich dir als Führungskraft stelle, ist: Durch welche Brille schaust du auf deine Mitarbeiter*innen? Auf dein Team? Na? Sei ehrlich! Ich frage dies auch zu Beginn meiner Leadership-Workshops, auf spielerische Art, und die Antwort lautet zu 90 Prozent: „Ich habe es leider mit lauter X-Leuten zu tun!“ Ächz! Da können einem die Führungskräfte schon ein bisschen leid tun, oder?! Bist du sicher, dass du die Rolle willst?

Der Unterschied zwischen X und Y nach dem Menschenbild von Douglas McGregor (1960).

Das Y-Menschenbild von McGregor

Douglas McGregor wollte dieses Menschenbild nicht teilen und beschrieb Y als Alternative. Für Y-Menschen gilt:

  • Arbeit ist wichtig und sollte auch Freude bereiten bzw. interessant sein: dann ist sie kein notwendiges Übel, sondern trägt in hohem Maß zu Sinn und Erfüllung bei.
  • Die Motivation kommt von innen – wenn die Bedingungen stimmen, z.B. das Arbeitsklima, der Entscheidungs- und Entwicklungsspielraum, wenn der Mensch mehr ist als eine Nummer oder ein Rädchen im Getriebe.
  • Selbstführung ist somit ohne Kommando und Kontrolle möglich.
  • Dann handelt der Mensch auch eigenverantwortlich und ist engagiert.
  • Kreativität wird gefördert und eigenständig zu Gunsten der Organisation eingebracht.

Genug Theorie, jetzt bist wieder du dran:

Deine Kollegen sind also X – und was bist du?

Durch welche Brille schaust du auf dich? Wo findest du dich selbst wieder?
Wenn ich diese Gegenfrage in meinen Workshops stelle, lande ich wieder bei 90 Prozent, häufig sind es sogar 100: „Ich bin natürlich ein Y-Mensch!“

Ach! Echt?

Und wie kommt es, dass du dich selbst für so toll hältst, von deinen Mitarbeitern und Kolleginnen aber so ein schlechtes Bild hast?

Die Antwort ist einfach: Es gibt keine X-Menschen. Menschen zeigen jedoch X-Verhalten!

Und wir selbst haben bekanntlich so unsere blinden Flecken, was das Verhalten anbelangt …

Warum gibt es keine X-Menschen? Nun, was tut denn das „arbeitsscheue Gesindel“ nach Feierabend oder am Wochenende? Es geht motiviert seinen Hobbies nach, es organisiert selbstständig Treffen und Veranstaltungen, es arbeitet voller Freude ehrenamtlich für seinen Verein, es kümmert sich verantwortungsvoll um Tiere und Kinder, es findet kreative Lösungen für die Probleme, die der Alltag so mit sich bringt …

Wir sind von Geburt an intrinsisch motiviert. Kein Baby, das Laufen lernt und dabei mehrfach hinfällt, sagt: „Ich hab die Nase voll, meine Eltern sind doof, die Welt sowieso, ich bleib jetzt einfach liegen und zieh mir Netflix rein!“ Es liegt in unserer Natur, dass wir teilhaben und beitragen wollen, dass wir nach einer sinnvollen Tätigkeit suchen, um unsere Stärken und Talente zu leben, und dass wir uns kreativ austoben.

Die Frage ist, was läuft falsch, dass sich das in der Schule und später am Arbeitsplatz ändert …

 

 

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Mein Tipp für dich als Y-Mensch und Führungskraft

In vielen Unternehmensbroschüren sind die Inhalte der Theorie Y zu finden. In den Büros, Produktionshallen und Meetingräumen sind sie jedoch meist nicht zu beobachten. Wunsch und Wirklichkeit driften hier stark auseinander.

Vielleicht bist du nicht in der Position, um dein Unternehmen umzustrukturieren, von Alpha nach Beta, von Pyramide zu Zellstruktur (mehr dazu an einem anderen Tag).

Aber du kannst dich jederzeit dafür entscheiden, nicht nur dich selbst, sondern auch die Leute um dich herum, in deinem Einflussbereich, durch die Y-Brille zu sehen. Menschen möchten mit anderen Menschen auf Augenhöhe sein. Menschen möchten respektvoll behandelt und für ihre Person wie für ihre Leistung wertgeschätzt werden.

Erwachsene Menschen wollen nicht wie kleine, dumme, unmündige Kinder behandelt werden. Doch genau das passiert auf der Arbeit oft jeden Tag. Seit hunderten von Jahren werden Erwachsene im System der Organisation, für die sie arbeiten, infantilisiert. Und weil Menschen sich stets systemintelligent verhalten, sich also an ihr direktes Umfeld und dessen Gepflogenheiten anpassen, lassen sie sich das auch gefallen. Zu groß ist die unbewusste Angst vor dem sozialen Ausstoß oder vorm Verhungern: das Stammhirn lässt grüßen!

Ich finde das X-Menschenbild schrecklich, und vermutlich ist das auch einer der Gründe, warum ich mich schon mit 22 Jahren intuitiv für die Selbstständigkeit entschieden habe. McGregors Theorie ist mir erst wesentlich später begegnet.

Setz die Y-Brille auf und stoppe X-Management-Methoden

In dem Moment, in dem du bewusst die Perspektive wechselst, in dem DU anfängst, deine Leute durch die Y-Brille zu betrachten und dich selbst entsprechend zu verhalten, verändert sich auch etwas in deinem Team. Die können gar nicht anders! Und wenn es erstmal nur ein kleiner Schritt ist. Zum Beispiel: Wer sich auf einmal von der Chefin ernsthaft gesehen fühlt statt im stressigen Arbeitstrubel übersehen – mit Ausnahme des Jahresmitarbeitergespräches! –, der möchte auch in einem guten Licht dastehen und der gibt sich eventuell auf einmal etwas mehr Mühe, seinen Job sorgfältig auszuführen. Da hat dein freundlicher, anerkennender Blick vielleicht schon ausgereicht …

Darüber hinaus kannst du überlegen, was in deiner Firma oder in deiner Abteilung dazu führt, dass die Leute X-Verhalten zeigen. Und was du als Führungskraft dagegen unternehmen kannst. Vielleicht eher, was du weglassen kannst, als was du einführen musst. Das Jahresmitarbeitergespräch gehört als Instrument von Kommando und Kontrolle übrigens auf den Müllhaufen der Management-Historie: sprich einfach mit deinen Leuten! Am besten täglich. Dann muss auch niemand ein bis zweimal im Jahr Bauchschmerzen haben. Der Mitarbeiter nicht und du auch nicht.

Wenn du noch mehr Tipps haben möchtest,