Blogpost Wie du erfolgreich andere Menschen veränderst

Stell dir vor, du rügst den Mitarbeiter, der ständig zu spät zum Kundentermin erscheint, und zukünftig ist er einfach pünktlich.

Oder du bittest deine Partnerin, öfter mit dir zum Autorennen zu fahren, und sie kommt freudig mit, obwohl sie Motorsport nicht ausstehen kann. Wäre das nicht schön, wenn es so leicht wäre? Heute verrate ich dir, wie auch du erfolgreich Menschen verändern kannst ...

Das Wesen von Veränderung

Der Gedanke an Veränderung löst im handelsüblichen Menschen normalerweise genau zwei Dinge aus: entweder Stress oder Stress. Weil die Veränderung unerwünscht ist, oder weil sie zwar gewollt, doch unbequem bzw. mit Ängsten verbunden ist. Selbst wenn du unbedingt den neuen  Job wolltest und ihn dann auch bekommen hast – die Wenigsten von uns gehen die Sache völlig tiefenentspannt an.

Ob drohende Übernahme durch den größten Konkurrenten oder Ausblick auf die Probezeit beim neuen Brötchengeber: du musst raus aus der Komfortzone! Und diese Unsicherheit mag der kleine Wächter gar nicht, der im Emotionszentrum deines Oberstübchens wohnt und auf dich aufpasst, damit du keine Fehlentscheidung triffst, dich nicht blamierst oder nicht anderweitig vorzeitig zu Tode kommst. Ja, der innere Wächter übertreibt gerne mal.

Emotion schlägt Verstand

Rational veranlagte Zeitgenossen reden sich die Sache gerne schön mit Sätzen wie: „Veränderung ist ganz normal, sie geschieht tagtäglich – schau doch nur, die Blätter färben sich schon wieder bunt, der Sommer ist bald vorbei!“ So weit, so richtig, nur deinen inneren Wächter überzeugt das nicht, denn er ist pure Emotion – unmittelbare Reaktion des Nervensystems auf eingehende oder auch nur imaginierte Reize. Häufig heißt die Reaktion „Angst“. Deshalb ist Reichsbedenkenträger auch des Wächters zweiter Vorname. Es ist schon schwer genug, ihn dafür zu gewinnen, wenn du selbst etwas verändern möchtest. Sofern es gefährlicher ist als eine neue Alternative zum seit zwanzig Jahren genutzten Parfum oder der Austausch der Unterhosenmarke.

Doch völlig auf die Barrikaden geht er, wenn jemand anders versucht, dich zu verändern. Genau das passiert natürlich auch im Kopf deines Mitarbeiters oder deiner Partnerin.

Menschen können sich verändern – und tun es auch

Ja, Menschen können sich verändern und an ihrem Wesen arbeiten. Die Geschichte von der stabilen Persönlichkeit, spätestens ab dem 30. Lebensjahr, ist eine Mär. Psychologie und Hirnforschung wissen heute, dass dein Gehirn sich bis ans Lebensende umbauen kann, um mit neuen Anforderungen klar zu kommen.

Deine Identität, dein Ich, ist keine stabile Größe und auch wenn du schwörst, dass du der Gleiche bist wie früher: die Wissenschaft hat gezeigt, dass Menschen sich über die Jahre teilweise stark wandeln und sich sogar regelmäßig neu definieren oder erfinden.

Weil sie es wollen im Sinne der Selbstverwirklichung bzw. weil äußere Einflüsse – ein neuer Job, eine neue Beziehung, ein Schicksalsschlag oder ein längerer Auslandsaufenthalt – das automatisch mit sich bringen.

Dein selektiv arbeitendes Gehirn kennt jedoch einen Trick, damit du das nicht merkst: Es schönt und tunt deine Lebensgeschichte automatisch, damit sie zu deinem heutigen Leben und Selbstbild passt.

Die hier angesprochenen Formen von Veränderung sind entweder frei gewählt oder normaler Teil des Lebens. Soweit, so unkompliziert – der hierbei entstehende Eu-Stress gilt als positive Sache. Wenn ein anderer Mensch möchte oder verlangt, dass du dich aus deiner Komfortzone begibst und was veränderst, sieht die Welt etwas anders aus.

Das Kind und seine Eltern

Der Versuch, andere Menschen zu verändern, ruft bei denen die zwei Gesichter des inneren Wächters auf den Plan; entweder das innere Kind oder den innere Elternteil. Beide können heftig randalieren, jeder Ich-Zustand auf seine Art. Da gibt es Trotz, Tränen und Hilflosigkeit auf der einen, Wut, Druck und Drohung auf der anderen Seite. Druck führt übrigens naturgemäß immer zu Gegendruck, bei Pferden wie bei Menschen. Als Di-Stress macht er langfristig die Seele und den Körper krank.

Der Zustand frischer Verliebtheit mag eine Ausnahme darstellen, wenn du noch gewillt bist, deinen neuen Partner auf jeden Fall glücklich zu machen und für seine Wünsche deine eigenen Bedürfnisse zurückstellst. Kannst du mal machen, doch dauerhaft wird das nicht funktionieren und wieder zu Stress führen. Veränderung? Null Bock!

Welchen Preis möchtest du zahlen?

Oben schrieb ich was von Druck und Gegendruck. Wie man ein Pferd brechen kann, zum Gehorsam zwingen kann, um dann ein lethargisches, abgestumpftes Wesen mit toten Augen zu bekommen, kannst du natürlich auch einen Menschen brechen.

Dein Mitarbeiter ist vielleicht zukünftig pünktlich, weil er eine Abmahnung oder auch nur einen Anschiss erhalten hat. Doch er fühlt sich komplett unverstanden, hasst dich oder gleich den ganzen Laden und wird flüchten (was dem Pferd meist nicht vergönnt ist), sobald sich die Gelegenheit ergibt. Oder er bleibt, stellt um auf Dienst nach Vorschrift und wird keine Gelegenheit versäumen, sich zu rächen. Und wenn es Kleinigkeiten sind, wie ein paar Rollen Büro-Tesafilm für daheim zu klauen.

Seine Kreativität dient dann nicht mehr deinem Unternehmen, sondern nur noch dazu, wie es zukünftig gelingt, die Regeln zu umgehen, ohne dass es jemand merkt.

Verhaltensänderungen zu erzwingen ist also möglich, doch der Preis für diesen erfolgreich von außen ausgeübten Druck ist hoch. Überlege dir als Unternehmer oder Führungskraft, ob du ihn zahlen möchtest.

Wege zur Veränderung – auf Augenhöhe

Wenn dir das zu teuer ist, kannst du trotzdem etwas tun, um Menschen ohne Kollateralschäden zu Verhaltensänderungen zu bewegen.

1. Hör auf, dauernd zu verurteilen, zu bewerten und zu interpretieren!
Der Mitarbeiter ist bockig und unverschämt, die Partnerin zickig und will dir den Spaß verderben? Wenn du die Leute in eine mit solchen Attributen versehene Schublade steckst, da kommen sie womöglich (für dich) nie wieder raus. Folglich wirst du auch keine Veränderung bemerken, selbst wenn sich etwas tun sollte.

Mach aus einem „Der Mitarbeiter schafft es nie, pünktlich zu sein!“ ganz objektiv ein „Der Mitarbeiter kam diesen Monat drei Mal später zum Kundentermin, als wir vereinbart hatten.“ Auf dieser Basis könnt ihr ganz anders miteinander reden.

2. Mach dir klar, dass alle Menschen per se die gleichen Bedürfnisse haben.
Wenn auch in unterschiedlichen Ausprägungen. Der eine braucht mehr Ruhe, der andere mehr Gesellschaft. Für den einen sind 5 Minuten Verspätung eine harmlose Kleinigkeit, für den anderen der ultimative Unzuverlässigkeitsbeweis: das Bedürfnis nach Verbindlichkeit mag einfach anders gelagert sein.

Der Stress entsteht also nicht auf der Bedürfnisebene – denn wieso sollte dein Bedürfnis nach Zuverlässigkeit besser oder schlechter sein als sein Bedürfnis nach Toleranz? Das Bedürfnis nach Ruhe mehr im Recht sein als das Bedürfnis nach Gesellschaft? Und so weiter. Der Stress entsteht, wenn unterschiedliche Strategien zur Erfüllung der eigenen Bedürfnisse scheinbar oder tatsächlich nicht zu vereinbaren sind!

3. Sei empathisch.
Hör den Leuten zu, fühl dich ein, finde durch kluge Fragen heraus, worum es ihnen gerade wirklich geht, wenn sie sich deiner Meinung nach bockig, zickig, unverschämt oder einfach einer Situation nicht angemessen verhalten. Meistens geht es gar nicht darum, dich zu ärgern, dir eins reinzuwürgen oder sich prinzipiell gegen Veränderung zu sperren. Und das Ergebnis kann eine große, wertvolle Überraschung für euch beide sein!

4. Bitte um etwas und sorge für gute Bedingungen.
Wir Menschen sind soziale Wesen. Wir möchten freundlich behandelt und gemocht werden, wir wollen dazugehören. Ausschluss von der Gruppe wäre der Tod, deshalb macht der innere Wächter ja auch bei potenziell bedrohlichen Veränderungen oder Herausforderungen so ein Tam-tam. Aus diesen Gründen sind wir von Geburt an intrinsisch motiviert, zu gefallen und unsererseits freundlich zu sein. Wir geben von Herzen gerne – sofern die Bedingungen stimmen.

Hör also auf, zu versuchen, durch schwarze Rhetorik, Druck und Sanktionen an Menschen herumzubasteln. Sorge lieber dafür, dass die Bedingungen stimmen. Zum Beispiel, damit dein Mitarbeiter oder deine Partnerin genug Vertrauen haben, sich zu öffnen und über ihre Gefühle und Bedürfnisse zu reden.

Wenn wir eine ernstgemeinte Bitte hören, bei der es auch auf ein „Nein“ keine Sanktionen gibt, wächst unser Vertrauen. Wenn dein Mitarbeiter versteht, weshalb es dir wichtig ist, dass er zur vereinbarten Zeit erscheint – und denke bitte nicht, dass das doch für jeden offensichtlich sein müsste! – wenn er umgekehrt äußern darf, was der wahre Grund für sein Zuspätkommen ist, wenn ihr nun gemeinsam nach einer Win-Win-Strategie sucht, statt „Befehl, Belohnung und Strafe“ zu spielen, dann handelt und fühlt ihr euch beide als erwachsene Menschen auf Augenhöhe. Dieses Gefühl gefällt wiederum dem inneren Wächter und er entspannt sich ...

Hören wir dagegen eine (oft als Bitte getarnte) Forderung, reagieren wir ablehnend und machen Gegendruck. „Ein Nein ist immer eine Reaktion auf ein nicht gehörtes Bedürfnis“, sagte Marshall Rosenberg, der Begründer der wertschätzenden oder gewaltfreien Kommunikation. Wenn das passiert – gehe zurück zu Schritt 3.

Wenn „Bitte seien Sie zukünftig zur verabredeten Zeit da“ nicht fruchtet, kannst du es erst mal mit „Können wir bitte über den Beginn zukünftiger Kundentermine sprechen?“ versuchen. Wichtig ist, dass du es ernst meinst, mit dem Kollegen in Kontakt kommen zu wollen, statt deine Chefkarte auszuspielen.

Der systemische Gedanke

Es gibt einen einzigen Menschen, den du garantiert erfolgreich selbst verändern kannst. Du siehst ihn, wenn du in den Spiegel schaust. Das Einzige, was du dafür im ersten Schritt tun musst, ist, es wirklich zu wollen! Einen Grund zu haben, der aus dir selbst heraus kommt.

Und weißt du, was dann passiert? Wenn du dich bewegst, dann bewegt sich auch dein Umfeld. Ob es das will oder nicht. Dies hat nichts mit Manipulation zu tun, es ist ein ganz natürlicher Vorgang, denn wir sind alle miteinander verbunden. Zum Beispiel im System Arbeit/Firma oder im System Familie. Wir Coaches nennen das den systemischen Gedanken, und der geht so:

Stell dir einen Haufen Kieselsteine vor. Einer davon bist du. Wenn du dich veränderst, kommt der ganze Haufen in Bewegung. Natürlich liegt das, was auch immer dann passiert, nicht oder nur teilweise in deiner Macht. Doch die Chancen, dass sich etwas zum Positiven verändert, die sind auf jeden Fall höher, als wenn du still verharrst und alles bleibt, wie es ist. Zumindest, bis jemand anders sich verändert und dich damit ebenfalls bewegt, ohne dass du es willst – wenn der Mitarbeiter kündigt oder die Partnerin dich verlässt, dann macht das was mit dir. Selten etwas, das dir gefällt: neuer Stress entsteht!

Sollte es dir gelingen, ohne feste Erwartung an deine Veränderung, dein neues Denken, Reden, Handeln, ranzugehen, dann überrascht dich das Leben vielleicht mit etwas noch Besserem, als du es dir erträumt hast. 

Fazit

Gib’s zu, beim Lesen der Überschrift und des Intros hattest du entweder Hoffnung auf eine bequeme Lösung, oder du hast gedacht, dass sich bei mir ein Schräubchen gelockert hätte, richtig?! ;-)

Du selbst hast die Chance, zu werden, wer du werden willst. Du hast die Chance, mit anderen Menschen so umzugehen, dass Veränderung zu Gunsten aller ist oder zumindest verstanden und akzeptiert wird, denn allen Recht machen kann man es nicht immer. Problematisch ist meist auch gar nicht die Veränderung an sich, sondern deren mangelnde oder misslungene Kommunikation: deine Worte können Fenster sein – oder Mauern.

Der Fluss des Lebens verändert uns darüber hinaus sowieso. Und das ist eine gute Nachricht, wie ich finde. Denn eine reife, ja, weise Persönlichkeit ist ein Mensch, der viel erlebt hat, sich von neuen Anforderungen und seinen Erfahrungen verändern ließ und dafür offen ist, dass dies auch weiterhin geschehen darf. Und für die meisten Erwachsenen, denen ich bisher begegnet bin, ist dies ein Kompliment.