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Seit Donald Trumps Präsidentschaft habe ich den Eindruck, dass jeder jeden als Narzissten beschimpft. Der Begriff „Narzissmus“ scheint in aller Munde zu sein und wird nahezu inflationär verwendet. Sicherlich auch oft zu Unrecht. Immer wieder werde ich gefragt: „Sylvia, woran erkenne ich eigentlich einen echten Narzissten?“

Ich habe darauf eine schnelle und eine ausführlichere Antwort. Die schnelle lautet: Du erkennst einen extremen Narzissten an den vier ‚E‘: Egozentrik, Empathielosigkeit, Empfindlichkeit und Entwertung. Schau dir das doch mal näher an – vielleicht möchtest du Klarheit haben, ohne anderen Menschen gleich eine Persönlichkeitsstörung anzuhängen.

Kennzeichen #1: Egozentrik

Die Welt eines extremen Narzissten dreht sich nur um ihn!

Einen gesunden Egoismus wünsche ich jedem Menschen. Im Sinne der Selbstliebe und im Sinne von: Du kannst dich nur dauerhaft gut um andere Lebewesen kümmern – Kunden, Kinder, Mitarbeiter, Pflegebedürftige, Tiere … – wenn du dich auch gut um dich kümmerst und eben nicht immer gleich springst, wenn der andere „Frosch“ sagt. Besonders Frauen und Mütter neigen dazu, sich bis zur Selbstaufgabe und der totalen Erschöpfung aufzuopfern. Egoismus hat einen schlechten Ruf, meiner Meinung nach a) zu Unrecht und b) weil es Leute gibt, die es übertreiben und für die es wirklich nur sich selbst gibt.

Alle anderen dienen dann lediglich der Unterstützung der eigenen Interessen, in der Fachsprache: Sie dienen als Quelle der narzisstischen Zufuhr und haben in Augen des extremen oder krankhaften Narzissten nur dann eine Daseinsberechtigung, wenn sie sich so verhalten, wie der Egozentriker es wünscht. Weil er sich nicht ernsthaft mit sich selbst beschäftigen kann (und damit auch mit dem, was in seinem Leben schief gelaufen ist, woher seine enorme Kränkung kommt und was er wirklich fühlt und braucht!), muss er sich zur Ablenkung den ganzen Tag oberflächlich mit sich selbst, seiner narzisstischen Wut und seinen meist materiellen Wünschen beschäftigen.

Egozentrische Narzissten denken – mehr oder weniger unbewusst:

  • „Wo ich bin, ist vorne!“
  • „Regeln und Gesetze gelten nicht für mich!“
  • „Mir steht das Beste zu, alle anderen haben sich einzureihen!“
  • „Der Einzige, der die Beförderung verdient hat, bin ich!“
  • „Ich weiß es besser und deshalb bin ich berechtigt, dich mitten im Satz zu unterbrechen!“
  • „Du hast zu machen, was ich sage!“
  • u.s.w.

Im Business wie in der Liebe machen sie dabei gerne leere Versprechungen, was sie alles für einen tun würden, um ihre „Quellen“ bei der Stange zu halten.

Wenn du etwas erzählst, schaffen sie es mühelos, direkt danach über sich selbst weiterzusprechen, statt auf dich einzugehen.

Damit sind wir schon beim zweiten ‚E‘ …

Kennzeichen #2: Empathielosigkeit

Echte Empathie im Gegensatz zum Studium des „Opfers“.

Empathie, also die Fähigkeit, sich in jemand anderen hineinzuversetzen, um ihn und seine Welt zu verstehen, die besitzt ein echter Narzisst nicht.
Einer der Gründe dafür ist: Möglicherweise würde der Narzisst in deiner Erzählung seine eigenen wahren Nöte und Ängste gespiegelt sehen!

Dann gibt es zwei Versionen von Narzissmus: Der so genannte grandiose Narzisst könnte das, was er da sieht und hört, nicht ertragen, weil es sein mühsam vorgegaukeltes Selbstbild ankratzt. Deshalb ist sich in dich einzufühlen auf jeden Fall zu vermeiden und er wechselt sofort das Thema, vorzugsweise zu sich selbst und seiner letzten tollen Leistung.

Der vulnerable (verletzliche) Narzisst, dem fällt dagegen sofort eine Geschichte ein, wo ihm das von dir Erzählte auch schon mal passiert ist, nur viiiiel schlimmer! Und schon geht es wieder nur um ihn, da will er als Egozentriker ja hin.

Das Irritierende dabei ist, dass extreme Narzissten sehr gut Empathie vortäuschen können!
„Sylvia, ich verstehe die Welt nicht mehr, in den ersten vier Wochen unserer Beziehung war Peter/Nadine der einfühlsamste Mensch der Welt, total interessiert an mir und meiner Lebensgeschichte, er/sie hat immer sofort gesehen, wie es mir gerade geht und war total rücksichtsvoll! Und heute bin ich mit dem totalen Arschloch zusammen, von dem ich aber nicht mehr loskomme … “

So oder so ähnlich höre ich das jede Woche mehrfach von Leuten, die sich an mich wenden.

Jupp, stimmt, das können Narzissten hervorragend! Es hat nur nichts mit echter Empathie zu tun. Sondern mit der natürlichen Überlebens-Intelligenz des Narzissten, unabhängig von dessen IQ. Ich bezeichne es gerne als „Studium der narzisstischen Quelle“. Nur wenn er dich gut kennt und du Vertrauen zu ihm aufbaust, dann kennt er auch die Knöpfe, die er drücken muss, um dich später gefügig zu machen und dich generell äußerst unschön zu manipulieren!

Ein Narzisst liest dich aus, merkt sich deine Ängste, deine Sorgen, deine Schwächen, genauso wie deine Vorlieben. Da steckt er dann seinen Schlüssel ins Schloss und kann dich auf- und zuschließen, wie er es gerade braucht. Was er dir damit antut, ist ihm auf gut Deutsch scheißegal!

Kennzeichen #3: Empfindlichkeit

Ein echter Narzisst ist komplett unreflektiert und deshalb bereits beleidigt, wenn die Sonne weiterwandert.

Wenn du Drama willst, dann äußere auch nur den leistesten Hauch von Kritik!

Ich rede nicht von den großen Schmerzpunkten des Lebens, bei denen die meisten von uns sofort anspringen und sich wehren.
Ich rede von „egal was“: Jeder, der ihn nicht lobt, ist ein Feind, weil die Gefahr besteht, dass er des Narzissten tiefste innere Selbstzweifel auf den Plan ruft; jeder, der nicht tut was der Narzisst will oder der etwas Unangenehmes sagt, was der Narzisst auf sich bezieht, wird weggekläfft. Und da der Narzisst ja bekanntlich ALLES auf sich bezieht … siehe oben!

Und nein, du hast nichts falsch gemacht, wenn du vorsichtig anmerkst, dass der Narzisst sich in der Powerpoint-Präsentation nicht ans Corporate Design gehalten hat, und darauf eine Verbalattacke vom Feinsten erlebst, gespickt mit Beleidigungen und weshalb die Präsentation trotzdem verwendet werden muss! Oh, Weggehen und beleidigt Schweigen ist die andere Form, die du mit einem extremenen Narzissten erleben kannst.

Kennzeichen #4: Entwertung

Die beste Möglichkeit, sich groß und stark zu fühlen, ist, andere Menschen klein und schwach zu machen.

Ein extremer Narzisst duldet keine anderen Götter neben sich.

Egal, ob jemand etwas besonders Tolles oder etwas besonders Blödes gemacht hat: der Narzisst packt sofort die Gelegenheit beim Schopf, um über den anderen zu lästern und ihn fertig zu machen oder um sich und seine eigene Leistung noch höher zu stellen und der Welt zu erklären, dass der Kollege ja nur den Bonus bekommen hat, weil er Glück hatte oder mit der Chefin ins Bett gegangen ist …

Fazit

Es gibt den gesunden Alltagsnarzissmus, ohne den wir allesamt auf dem Sofa liegenbleiben und Netflix gucken würden.
Moment, es gäbe gar kein Sofa, weil wir keine Möbeldesigner und Produktionsfirmen hätten, und Netflix gäbe es erst Recht nicht, weil wir keine Schauspieler und visionäre Unternehmer hätten.

Jeder Mensch hat hier und da das Bedürfnis, zu glänzen und im Mittelpunkt zu stehen.
Jeder Mensch hat mal einen miesen Tag, bei dem er keine Kraft mehr hat, empathisch zu sein.
Jeder Mensch wird mal so stark von einem einzigen Wort berührt, dass er heulend aus dem Zimmer rennt oder den anderen lauthals verflucht.
Und auf Parties hat man ja bekanntlich den meisten Spaß mit denjenigen, die nicht dabei sind … ;-)

Wir sind alle nur Menschen und das ist ganz normal.

Doch wenn die vier genannten Dinge regelmäßig, dauerhaft und vor allem in Kombination auftreten, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass du es mit einem extremen Narzissten zu tun hast, von dem du dich abgrenzen solltest, wenn du nicht in sein Netz verstrickt werden möchtest.

Noch Fragen?

Coverfoto zu Illustrationszwecken von John Hain auf Pixabay

 

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