Höhenangst besiegen - Sylvia Pietzko Coaching

Heute war ein ganz besonderer Tag für mich. Ohne, dass mir das beim Aufstehen klar gewesen wäre. Es war der Tag, an dem ich lernte, meine Höhenangst zu besiegen.

Ich bin mit meiner Familie im Urlaub auf der Ostseeinsel Rügen. Eines der Insel-Highlights ist ein Baumwipfelpfad in der Nähe der Stadt Binz mit einem 40 Meter hohen „Adlerhorst“.

Ein architektonisches Wunderwerk, mit dessen Hilfe man sich wie auf einem spiralförmigen Holzbohlen-Wanderweg über die Bäume erheben kann. Sogar, sollte man im Rollstuhl sitzen.

Meine Familie wollte da hin. Und da es Teil einer tollen Ausstellung über das Naturerbe Rügens ist, war ich auch dafür. Man wird sich ja sicher aussuchen können, ob man den normalen Weg durch den Wald nimmt, oder auf den Baumwipfelpfad steigt …

Fehlanzeige: Es gab nur den Weg in der Höhe!

Was ihr vermutlich nicht über mich wisst: Ich habe Höhenangst!

Oder besser: Fallangst! Im Flugzeug aus dem Fenster schauen, Berge hoch wandern, auf der Leiter die Deckenlampe anbringen, nah an der Kante der Kreidefelsen stehen (siehe Foto aus dem gleichen Urlaub!), den Eiffelturm besteigen oder die Dachterrasse des Empire State Buildings besichtigen: kein Problem!

Konstrukte aus Holz ab zwei Metern Höhe, die leicht schwanken und durch die man in die Tiefe blicken kann: Panikmodus!

Ich bin die, die sich vor ein paar Jahren im Kletterwald am Neroberg, Wiesbaden, von den Rettern in den grünen T-Shirts hat von der ersten Holzplattform abseilen lassen, weil ich keinen Schritt weitergehen konnte!

Riesenrad fahren geht übrigens auch (noch) nicht gut, das fährt für seine Höhe viel zu langsam! ;-)

Kreidefelsen auf Rügen

Ein komplett angstfreies Leben ist eine Illusion

Ja, für Coaches gilt wie für alle Menschen: Ein komplett angstfreies Leben gibt es auch im Erwachsenen-Ich nicht. Das wäre fatal, denn die Angst hat ja eine wichtige Schutzfunktion. Nur läuft die manchmal aus dem Ruder und wir fürchten uns vor Dingen, obwohl wir genau wissen, dass sie harmlos sind.

Ich dachte mir also heute: „Ok, das schaffe ich!“ Schön in der Mitte des Weges bleiben und nicht nach unten gucken. Ich kam dank Atem-Meditation auch in normalem Tempo voran, doch wirklich gut ging es mir nicht. Leichte Übelkeit, Herzrasen. Stellenweise bin ich – samt Kreislauf – leicht in die Knie gegangen, damit mein Kopf nicht so hoch über dem Geländer ist. Der Schweiß auf der Stirn kam nicht von den 24 Grad Lufttemperatur …

Auf einem besonders schlimmen Stück – ein gefühlt nicht enden wollender Steg, bei dem es wirklich richtig tief runter ging! –,  meinte plötzlich mein 12-jähriger Sohn, der tiefenentspannt über die Bretter wandelte und noch die Extra-Tour über die Wackelbrücken nahm, zu mir:

„Du musst der Neugier folgen, nicht der Angst!“

Das saß!

Verdammt, wo hat der in dem Alter solche Sprüche her? Etwa von mir? Und hab ich nicht gerade ein Arbeitsbuch zum Flugangst-Selbstcoaching geschrieben, in dem Neugier ein zentraler Punkt ist?!

Die ersten Meter ohne Höhenangst auf dem Baumwipfelpfad Rügen
Mein erster angstfreier Blick in die Tiefe von einem Holzkonstrukt seit Jahrzehnten ...
Höhenangst besiegen durch Selbstcoaching auf dem Baumwipfelpfad Rügen

Lachen, um die Höhenangst zu besiegen

Ich fange an zu lachen, bedanke mich bei meinem Sohn für die Blitz-Therapie, meine, dass ich natürlich neugierig bin auf den Wald und die Baumansicht von oben, richte mich auf, trete ans Geländer, schaue nach unten, finde das Grün schön (Bild oben in der Mitte), atme tief aus und gehe weiter. Plötzlich war es einfach möglich!

Wenn ihr schonmal bei mir oder woanders im Coaching wart, kennt ihr vielleicht die Arbeit mit der Skala von 1 bis 10: Die spontane Fokussierung auf die Neugier hat mal wieder funktioniert und die Angst von einer 8 (zwei vor Kontrollverlust) auf eine 3 (noch nicht souverän aber gut machbar) reduziert.

Wie gut, wenn man einen (gar nicht mehr so) kleinen Coach dabei hat, der einem ab und zu mal die eigene Arbeit ins Gedächtnis ruft, wenn das innere Reptil übermächtig zu werden droht!

Wie ich meine Höhenangst selbst überwunden habe

Schluck: 40 Meter auf Holzbrettern über der Erde

Dann kam der ‚Adlerhorst‘ genannte Turm – siehe Foto oben! Klarer Fall, ich will da hoch! Die Selbsttherapie mit der Vogelspinne war vor ein paar Jahren zu effektiv, um jetzt zu kneifen. Außerdem könnte ich meinen Flugangst-Coachees sonst wohl nicht mehr ins Gesicht schauen, ohne rot zu werden.

Ja, es war noch herausfordernd! Speziell, als die Bäume plötzlich zu Ende waren und ich kapierte, dass ich jetzt richtig, richtig weit oben bin und der Wind zu spüren war.

Doch ich hab‘s geschafft und habe heute mal wieder eine eigene Angst besiegt! Der Rest des Pfades war dann wie erwartet Kinderfasching und ich hab sogar auch noch eine Wackelbrücke ausprobiert (siehe Foto oben rechts)! Eine Stunde vorher wäre das undenkbar gewesen!

Wie ich die Höhenangst überwunden habe

Atmen und die Neugier suchen, das hatten wir schon.

Was auch toll ist: Fokussierung auf eine Aufgabe! Zuerst habe ich meiner Tochter erklärt, warum das Gehirn nur eine Sache gleichzeitig kann, zum Beispiel entweder singen/lachen oder Angst haben.

Dann, als der Wind kam – nun, ich habe einen ganz neuen Sommerhut! Der sollte bitte nicht vom Turm fliegen! Also hab ich ihn in die Hand genommen, sein Material bewusst gespürt und mir immer wieder vorgesagt: „Halt den Hut fest!“ Wie ein Mantra. Das war mir wichtig, eine selbst gewählte Aufgabe.

So gab es keinen Panikanfall und ich konnte oben tatsächlich die gigantische Aussicht über den ‚großen Bodden‘ und die Ostsee genießen! Das Foto unten zeigt mich in dem Moment, als ich mich für ‚Weitergehen‘ entschieden habe, als ich die Angst überwunden habe, statt rumzudrehen oder mich ohnmächtig auf den Boden zu setzen und um Hilfe zu rufen ...

Der Moment, in dem ich meine Höhenangst besiege ...

Und ja, das Ding wackelt, speziell wenn man sich auf eine der Bänke setzt, die oben auf dem Aussichtsturm stehen … Runter war dann schon problemfrei und am Fuße des Adlerhorsts kam dann die Belohnung des Gehirns durch einen unglaublichen Glücks- und Entspannungsschub.

Noch zwei wichtige Tipps

  • du musst eine eigene, innere Motivation haben, weshalb du die Angst besiegen willst. Meine war gar nicht so spektakulär: Ich hatte Geld für das Erlebnis ausgegeben, ich wollte einen schönen Tag mit meiner Familie verbringen, ich hatte keine Lust, alleine unten zu warten und ich wollte die große Rutsche rutschen, die dich am Ende des Baumwipfelpfades wieder auf den Erdboden bringt! :-) Ach ja, und ich hatte einfach keine Lust mehr auf diese blöde Fallangst, die sich ungefähr im Alter von 16 Jahren einstellte, als mir die diversen Geländer nicht mehr bis zur Schulter, sondern nur noch bis zur Hüfte gingen und ich mir erfolgreich einredete, dass Objekte aus Stein oder Stahl sicher sind, und Objekte aus Holz unsicher … Ich war heute schlicht und ergreifend ausreichend genervt von mir selbst!
  • du musst an dich glauben oder deinem Hirn das zumindest glaubhaft einreden: Wenn ich in den Weg eingestiegen wäre und mir gesagt hätte „das schaffst du nie!“ – dann würde ich jetzt vermutlich meinen Facebook-Account löschen, statt diese Zeilen zu schreiben! (Dieser Text erschien ursprünglich in etwas kürzerer Fassung bei Facebook)

Welche Angst willst du als nächstes besiegen?

Schreib mir gerne, wenn ich dich dabei unterstützen darf! Ich hatte meinen Sohn für den notwendigen Impuls. Vielleicht hast du niemanden. Der richtige Zeitpunkt, eine Angst zu überwinden, ist übrigens immer: Jetzt!

Natürlich verrate ich dir auch den Link, falls du auch mal auf den Baumwipfelpfad nach Rügen willst:
https://www.baumwipfelpfade.de/nezr/ (unbezahlte Empfehlung)

Hier kommen noch ein paar Impressionen: