
Zum Einstieg meiner mehrteiligen Serie geht es um das Kernproblem vieler Streitigkeiten: Um die Art und Weise, wie wir miteinander sprechen und damit die Beziehung zu unseren Mitmenschen gestalten. Eine Lösung, sprengstoffarm zu kommunizieren und somit Konfliktpotenzial zu reduzieren, ist die Gewaltfreie Kommunikation, kurz: GFK. Es geht hier aber auch ein bisschen um mich, denn nichts entsteht ohne Grund … Los geht’s!
Der US-Amerikaner Marshall B. Rosenberg (†2015) ist der Vater der Gewaltfreien Kommunikation. „Gewaltfrei, was soll denn der Unsinn?“, diese Frage stellst du dir vielleicht beim Erstkontakt mit Rosenbergs Lebenswerk, das er in sozialen Brennpunkten entwickelte. Mit Sicherheit hatte auch ich im Winter 2007 einen flapsigen Spruch auf den Lippen und Zweifel in den Augen, als mir die GFK durch meinen guten Freund Günter Treppte und seine damalige Frau Monika im Allgäu nahegebracht wurde. Es war – ohne, dass mir das zu diesem Zeitpunkt bewusst gewesen wäre – ein Wochenende der Weichenstellung und ich bin den beiden noch heute sehr dankbar dafür: Meine berufliche Laufbahn wurde samt Lokführerin ganz sanft auf eine andere Schiene gesetzt.
Update April 2026
Monika Treppte hat übrigens einen ganz wunderbaren Roman geschrieben, in dem du die Gewaltfreie Kommunikation in einer spannenden und lehrreichen Geschichte in der Praxis erlesen kannst. Und ich habe die Ehre, dieses seit 2011 vergriffene Buch in meinem Esperanza-Verlag für Bücher und Spiele neu aufgelegt in allen modernen Formaten herausbringen zu dürfen.
Das Wort Kommunikation entstammt dem lateinischen Begriff für Verbindung, Mitteilung, und genau das soll ihr Zweck sein: Menschen verbinden, Botschaften übermitteln. Doch wir alle wissen, wie oft das Gegenteil passiert: ein Blick, ein Wort, eine Geste, und schon herrscht dicke Luft oder eisiges Schweigen, die Verbindung misslingt oder bricht ab. Wir haben es häufig gar nicht so gemeint, doch leider gibt es die Grundregel aller Kommunikation, die da lautet: der Empfänger bestimmt die Botschaft! Und schon haben wir den Salat der babylonischen Sprachverwirrung, obwohl beide Deutsch sprechen. In der heutigen Zeit reicht es manchmal schon, dass der gesendeten Nachricht nicht zeitnah zwei blaue Häkchen anhaften, damit ein Streit samt verbaler Gewalt ausbricht. Und hier sind wir noch nicht an dem Punkt, an dem Menschen ganz bewusst aggressiv, verurteilend oder abwertend mit anderen sprechen. Wenn du dich jetzt an eine Situation erinnerst, in der du selbst angeschrien worden bist, ein hartes Wort oder einen vernichtenden Kommentar an den Kopf bekommen hast, dann spürst du vielleicht noch den Schmerz, der dadurch ausgelöst worden ist. Noch Fragen zum Begriff der Gewalt? Dass Grund und Auslöser für den Schmerz nicht dasselbe sind, auch darauf muss ich zu einem späteren Zeitpunkt eingehen, sonst wird das hier kein Blog, sondern ein Buch.
Der Kommunikationswissenschaft stellte sich die Neurowissenschaft an die Seite, die rausgefunden hat, dass das menschliche Gehirn zwischen körperlich zugefügtem Schmerz und psychisch zugefügtem Schmerz kaum einen Unterschied macht, in neuronalen Netzwerken gesprochen (Joachim Bauer et al). Eines der Probleme unserer Gesellschaft: Wir reden alle so, wie uns der Schnabel gewachsen ist, und damit sind wir verhaftet in einer Sprachkultur der Gewalt, denn „die nichtsnutzigen Lümmel, denen mal die Hammelbeine langgezogen gehören“ haben es von ihren Großeltern und Eltern nicht anders gelernt. Mein Sohn ist jetzt durch die Grundschule durch, im Ansatz wurde dort auch die GFK behandelt. Ein guter Schritt in die richtige Richtung, aber durchgesetzt hat sich die Methode der vier Schritte, die ich unten auflisten werde, auch in der Schule noch nicht.
Wahrscheinlich, weil die GFK so viel mehr ist als nur eine Methode oder ein Prozess. Sie ist eine Geisteshaltung. Der Moment, in dem sie zur reinen Methode verkommt, ist der Moment, in dem sie manipulativ eingesetzt wird und damit die Gesinnung Rosenbergs, eine authentische Sprache des Herzens zu entwickeln, auf den Kopf stellt. Dies ist mir einmal passiert, es war eine heftige Lektion des Lebens, und auch darüber möchte ich bei Gelegenheit ganz ehrlich schreiben.
Die GFK ist dein Wunsch und deine Bereitschaft, Verbindung vor Zielerreichung zu stellen. Wirklich zu verstehen, bevor du verstanden wirst. Dich von Herzen zu verbinden, statt deinem Gegenüber kluge Sätze und vermeintliche Wahrheiten an den Kopf zu werfen im Wettkampf darum, wer im Recht ist. Es ist deine Bereitschaft, dich empathisch in andere Leute einzufühlen. Es ist auch die Bereitschaft, dich selbst zu erforschen, dich selbst zu erkennen. Spätestens hier kann es verdammt unbequem werden.
Wenn du es trotzdem versuchen willst, hier sind die vier Schritte:
- Beobachte und formuliere neutral, ohne zu bewerten oder zu urteilen
- Nimm deine eigenen Gefühle wahr und sprich sie aus
- Werde dir deiner eigenen Bedürfnisse klar und benenne sie
- Bitte um etwas, dass dazu beiträgt, dein Leben besser zu machen
In späteren Beiträgen werde ich die vier Schritte ausführlich behandeln.
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Mit der oben skizzierten inneren Haltung und der Sprache der GFK bist du in der Lage, deine eigenen, meist durch Stress ausgelösten mentalen und verbalen Automatismen so zu verändern, dass du die Beziehungen zu deinen Mitmenschen respektvoller, achtsamer, friedlicher und damit stabiler und langfristiger gestalten kannst. Wir alle können sagen, was wir zum Leben brauchen – privat wie am Arbeitsplatz –, ohne Druck oder Macht ausüben zu müssen. Die Form der GFK kann dazu beitragen, dass wir das, was wir brauchen, immer öfter bekommen. Und dies gilt wunderbarerweise auch für unseren Gesprächs- oder Konfliktpartner. Win-Win.

Wenn sich Führungskräfte und Unternehmer eingestehen, dass sie nicht perfekt sind und erkennen, dass sie es auch gar nicht sein müssen, wenn sie sich und anderen Fehler erlauben und offen sind für Kritik, dann schaffen sie eine Firmenkultur, die in menschlicher Hinsicht ein hohes Maß an Offenheit, Vertrauen und Potenzialentwicklung, und in wirtschaftlicher Hinsicht die Chance auf Wachstum, Innovation und Zukunftsfähigkeit erhöht.
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