In diesem Beitrag geht es um die persönliche Bewältigung meiner Spinnenphobie, darum, was bei Angst oder Stress im Gehirn passiert sowie um allgemeine Gedanken über Angst, die auch in Coaching-Sitzungen oder Trainingssituationen regelmäßig Thema ist.

„… mit seinen acht Augen schaut es dich an, und schleicht sich an dein Bettchen ran!“* … Wenn es dann auch noch acht Beine hat und größer ist als ein Tic-Tac, dann ist bei mir der Ofen aus und ich verlasse fluchtartig das Zimmer. So war das zumindest früher, seit ich denken kann: Spinnenangst! Ich habe das Zimmer meist erst wieder betreten, nachdem ein XY-Chromosomenträger das Krabbeltier entfernt hat. Dabei hatte ich noch nicht mal Angst, dass die natürlich völlig harmlose Spinne mir etwas tut; ich hatte Angst vor dem Moment des Erschreckens, der sich vervielfacht wenn das Ding auch noch losrennt. Angst vor meinem Ekel, Angst vor der Aufgabe, das unerwünschte Wesen irgendwie aus der Wohnung zu bugsieren. Platthauen ist ja noch widerlicher, wer soll den Dreck wegmachen? Und außerdem – die arme Spinne!

Was bei Angst im Gehirn geschieht

Vogelspinne

Vogelspinne in der Frankfurter Ausstellung vom 28.01.18

Ein kleiner Exkurs in die Welt der Hirnforschung, weil es wirklich spannend ist, sich mal klar zu machen, was da überhaupt im Oberstübchen geschieht: schließlich ist mir ja vom Verstand her zu 100% klar, dass mich die hiesigen Spinnen nicht anspringen und beißen.

Auch im Jahr 2018 haben wir noch immer das Gehirn eines Höhlenmenschen. Für den war ein potenziell giftiges oder unbekanntes Tier lebensbedrohlich. Dazu kommt, dass sich Spinnen für uns ungewohnt verhalten: wir können ihre Augen nicht sehen, ihre Bewegungsabläufe sind für uns fremd und unvorhersehbar. Eventuell sind auch Sie schon seit Kindesbeinen an durch Ihre Eltern oder Geschwister darauf konditioniert, sich vor ihnen zu fürchten oder zu ekeln.

Angst führt zu einer hormonell bedingten Stressreaktion bei uns. Gerade mal 60 Millisekunden dauert es, bis die Netzhaut das Objekt erfasst und die Signale an die primäre Sehrinde weitergeleitet hat. Etwa 80 Millisekunden später erreichen die Signale den Thalamus, das Tor zum Gehirn. Dort werden nun die Neuronen innerhalb von 40 Millisekunden darüber entscheiden, ob die Signale wichtig sind und ob betroffene Abteilungen informiert werden müssen. Viel Zeit für belanglose Diskussionen unter Neuronen bleibt da nicht. Wenn die Wichtigkeit als hoch eingestuft wird, schickt der Thalamus die Signale sowohl an die Amygdala – das Gefühlszentrum – als auch ans Großhirn, in dem der Verstand sitzt. 40 Millisekunden braucht die Amygdala, um die Botschaft zu beurteilen. Ihr Urteil lautet „Furcht“ und es wird mit der Hormonausschüttung für das Angstprogramm begonnen. Erst nach weiteren 50 Millisekunden erreichen die Signale das Großhirn. Dort beginnen die Neuronen sofort damit, die Informationen mit dem dort gespeicherten Wissen abzugleichen. Doch da das Angstprogramm bereits gestartet ist, hat sich der Körper reflexartig in Alarmbereitschaft gesetzt. Das periphere Nervensystem schüttet den Botenstoff Noradrenalin aus, der Körper reagiert darauf: Ihr Herz schlägt schneller, die Atmung erhöht sich. Es grummelt im Bauch. Sie kriegen feuchte Hände. Fliehen oder Kämpfen – darauf ist Ihr Körper in bis dahin nur 270 Millisekunden vorbereitet. Nach weiteren 60 Millisekunden, ist auch Ihr Großhirn mit dem Wissensabgleich fertig. Wem fällt es auf? Erst kommt das Gefühlszentrum, dann der Verstand! Das ist nicht nur so, wenn Sie Angst haben, sondern auch, wenn Sie überlegen, ob Sie den Bewerber nun einstellen oder nicht, ob Sie kochen sollen oder lieber Essen gehen.

Erweist sich die Stressreaktion nun als kontrollierbar, weil Sie in Ihrem Großhirn über die passende Erfahrung verfügen (mehr dazu weiter unten) um das, was Ihnen Angst gemacht hat, in den Griff zu kriegen, gelingt es Ihnen auch, den Noradrenalinspiegel nach nur weiteren 50 Millisekunden zu senken, den Ablauf im Körper zu stoppen und den Zugriff auf den präfrontalen Cortex – auf Verstand und Potenzial – zu behalten. Irgendwann kommt es dann zu gar keiner Stressreaktion (=Angst) mehr.

Mein langer Weg durch Furcht und Ekel …

Die Spinnen waren es also bei mir, die die Stressreaktion ausgelöst haben. Selbst die im zarten Alter von 19 bezogene erste eigene Wohnung in Hargesheim bei Bad Kreuznach – es war ein Kellerloch mit Kochnische, um in mein Bad zu kommen musste ich den Hausflur überqueren! – samt ihrer unzähligen Mitbewohner der Gattung Arachnida hat mich nicht kuriert. Die Schwiegermutter hat es dann Jahre später mit einem ganz besonderen Geschenk versucht: mit einem Spinnen-Bestimmungsbuch. Als ob ich den Feind nicht in jungen Jahren schon ganz genau studiert hätte! Auch der Umzug in ein 150 Jahre altes Fachwerkhaus in der Schweiz brachte nur allmählich Lockerung: das Haus stand in einem großen Park, war umgeben von Pflanzen, und unter der Haustür gab es einen Spalt von einem Zentimeter Höhe … unnötig zu erwähnen, dass wir im Erdgeschoss wohnten und das achtbeinige Leben permanent in der Bude hatten?! Und gehst du an einem Sommerabend aus dem Haus, darfst du dich ein paar Stunden später im spärlichen Schein der Türbeleuchtung erstmal durch drei Kreuzspinnennetze samt Bewohnerinnen kämpfen, um die Klinke zu erreichen.

Spinne Adele

Angstbewältigung Schritt 1 – noch etwas angespannt mit Adele, der Rotknie-Vogelspinne

Der erste wirkliche Durchbruch kam 2009: wir waren bei Freunden eingeladen, auch deren Nachbar war zu Besuch. Und trug plötzlich mit den Worten „Adele lebt!“ eine nach erfolgreicher Häutung ziemlich müde, aus heutiger Perspektive kleine Rotknie-Vogelspinne auf seiner Hand ins Zimmer. Ich sah meine Chance gekommen, dem Tierchen den Popo zu tätscheln und meine mich selber total nervende Aversion zu überwinden! „Aber dreh sie bloß so, dass sie auf dich zuläuft und nicht auf mich, sollte sie sich bewegen!“

Seitdem sind drei Dinge passiert:

1. Ich habe in der Zwischenzeit in vier weiteren Wohnungen gelebt. Und ich würde sagen, von den dicken, großen, haarigen Hausspinnen, einer von mir immer besonders gefürchteten Sorte, habe ich in all den Jahren vielleicht 3-4 Exemplare in den Räumen gehabt. Eine Reduzierung um gefühlte 90 Prozent! 2017 gab es in Deutschland angeblich eine Winkelspinnen-Invasion. Ich habe keine einzige gesehen! Was mich zu der Überlegung bringt, dass etwas dran sein könnte an einer Hypothese, die ich vor so vielen Jahren gehört habe, dass ich nicht mehr weiß von wem sie ist. Sie besagt, dass dir etwas, das dir Angst macht, nicht mehr begegnet oder passiert, nachdem du die Angst überwunden hast.
2. Ich schaffe es, kleinere bis mittelgroße Spinnen völlig entspannt mit einem Papier oder sogar mit der bloßen Hand wegzusetzen. Selbst durch Türen, über denen Spinnen hängen oder sitzen, gehe ich hindurch. Wäre früher einfach nicht gegangen, oder bestenfalls verbunden mit zehn Minuten Vorbereitung und Anlauf, gefolgt von infantil-peinlichem rennen, quietschen und hinterher den Schauer aus den Gliedern schütteln! Tatsächlich ist mir das erst im vergangenen Sommer in einem Hotel (samt Spinne über einer Tür im Flur) überhaupt aufgefallen!
3. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, eines Tages eine Vogelspinne auf die Hand zu nehmen, um dieses Kapitel ein für allemal abschließen zu können. Denn ganz weg war die alte Aversion, die alte Angst vor dem Erschrecken, trotz aller Erfolge noch nicht.

Heute war es dann soweit. Ich habe vor ein paar Tagen erfahren, dass die Riesenspinnen- und Insekten-Ausstellung von Giovanni Neigert in der Frankfurter Jahrhunderthalle gastiert. Und dass man dort die Tiere auch anfassen kann. Zusammen mit meiner kleinen Tochter und ein paar lieben Freunden war ich dort und ließ eine „Grammostola Rosea“, eine Vogelspinnenart aus Chile, auf meine Hand – und auf die der völlig unerschrockenen Tochter! – laufen. Sie wiegt kaum etwas, die Beinchen kitzeln ein wenig, sie ist faszinierend … und ich, ich war tatsächlich relativ entspannt! Und habe mich hinterher unendlich leicht gefühlt! Was soll denn jetzt bitte noch „schlimmer“ werden (es war nicht schlimm!)? Haken dran!

Die Angst gezielt überwinden – warum ich die große Spinne auf meine Hand gelassen habe

Als erwachsener Mensch weiß ich: ein dauerhaft angstfreies Leben gibt es nicht! Es wird immer wieder etwas kommen, was mir Angst macht. Und als Master Business Coach weiß ich es dreifach: die meisten Ängste sind völlig unbegründet! Dennoch schaffen wir es nicht so einfach, sie zu überwinden. Von daher möchte ich gerne so angstfrei wie möglich durchs Leben gehen – es kommen noch genug ernsthafte Aufgaben in Sachen Angst auf mich zu, die es zu bearbeiten gilt. Und vor dieser Tatsache muss ich keine Angst haben, sondern kann sie akzeptieren. Und mich entsprechend mental darauf vorbereiten. Nur wenn ich mich in meinem Erwachsenen-Ich verankere wird mir klar, dass ich in der Lage bin, mit den aller-allermeisten Dingen, die mir begegnen werden, umzugehen und – wenn ich das nicht sofort kann – gegebenenfalls daran weiter zu wachsen.

Ich arbeite mit meinen Klientinnen und Klienten nach der Methode meiner Ausbilderin Dr. Petra Bock an Themen, mit denen sie sich selbst in ihrem Leben mental blockieren. Die Angst spielt dabei eine große Rolle. Gemeinsam mit mir überwinden die Menschen, die zu mir ins Coaching-Loft Rhein-Main kommen, viele Ihrer Ängste. Ich sehe es deshalb auch als meine eigene Aufgabe als Coach an, regelmäßig an mir zu arbeiten, sei es durch Supervision, Weiterbildung oder eben dadurch, mich immer wieder selbst damit zu konfrontieren, wovor ich mich fürchte oder wobei mir unwohl ist. Solange, bis ich es geschafft habe. So wie heute. Fühlt sich großartig an! Practise what you preach …

*leicht modifizierte Textzeile aus dem „Schlaflied“ von den Ärzten, 1984 …